Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

Unter den Linden betteln die Ost-Berliner westliche Besucher schreiend um ein Stück Brot an: Detlef Kühn gebrauchte dieses Bild natürlich als grimmige Übertreibung. Aber er weiß, wovon er spricht. Detlef Kühn ist Präsident des Gesamtdeutschen Instituts in Bonn, und aus dieser Funktion kennt er die Klischees und Vorurteile, mit denen sich nicht wenige Bundesdeutsche zu einem Besuch in den anderen Teil Deutschlands aufmachen.

Auch der Kreis, in dem er seine bizarre Karikatur entwarf, war sachkundig. Er setzte sich aus Mitarbeitern jener politischen Stiftungen zusammen, die den vier etablierten Parteien nahestehen und einen entsprechenden Namenspatron haben: Friedrich Ebert von der SPD, Hanns Seidel von der CSU, Friedrich Naumann von der FDP und Konrad Adenauer, CDU. Im Haus der Naumann-Stiftung auf der Margarethenhöhe im Siebeneebirge nahe bei Bonn hatten sie sich vorige Woche zu einer Fachtagung über "deutschlandpolitische Bildungsarbeit" getroffen; auch das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen war mit von der Partie.

Kühn hat ihnen nichts Neues erzählt. Sie kennen die Geschichten: zum Beispiel von Eltern, die sich gegen Klassenfahrten in die DDR sperren, weil sie ihre Kinder schon festgenommen sehen; von Schülern, die schaudernd von einem Ausflug nach Ost-Berlin zurückkehren, weil dort alles so grau und schäbig ist. In ihren Seminaren und Tagungen haben die Teilnehmer immer wieder mit dem steinigen Acker zu tun, in dem die Vorurteile wurzeln: mit derverbreiteten Unkenntnis über den anderen deutschen Staat und feine Menschen – eine Unkenntnis, die sich oft genug auf den Unwillen gründet, ihn überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Manchmal, so wurde berichtet, gebe es sogar regelrechte Feindbilder, wenn auch vor allem bei Leuten mit rechtsextremen Neigungen.

Aber das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille. Die andere besteht darin, daß das Interesse an den deutsch-deutschen Dingen steigt. Unter den jungen Menschen, so teilte der innerdeutsche Minister Heinrich Windelen anhand einer Umfrage mit, beklagten sich drei Viertel, daß sie in den Schulen und anderswo über die DDR zu wenig erführen. Auch andere Erhebungen zeigen, daß die Neugier zunimmt. Hat über lange Jahre hinweg bestenfalls ein Drittel der Bundesdeutschen die Entwicklungen in der anderen Hälfte Deutschlands mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, so ist dieser Anteil jetzt auf Werte um 50 Prozent geklettert. In einem "ungeahnten Maße" gestiegen, so Kurt Plück vom innerdeutschen Ministerium, ist in letzter Zeit besonders die Zahl der Klassenfahrten in die DDR. Im vergangenen Jahr haben rund 36 000 Jugendliche, und nicht nur Schüler, an Erkundungsreisen teilgenommen, die mehr als einen Tag dauerten. In der DDR gibt es schon Unterbringungsprobleme.

Dreht sich also der Wind? Und wenn ja, was hat das für Gründe? Solche Fragen blieben auf der Margarethenhöhe offen. Einstweilen gibt es nur Hinweise. Ministerialdirektor Plück erwähnte eine noch nicht abgeschlossene demoskopische Studie, deren erste Ergebnisse auf eine "neue Sensibilität" in der deutschen Frage hindeuten. Ein Dozent der Ebert-Stiftung sprach davon, daß junge Leute den Raketenwahnwitz in Ost und West sozusagen als gesamtdeutsche Bedrohung empfänden; auch von dort her wachse das Interesse an den deutschdeutschen Verhältnissen. Fürs erste, so hat es den Anschein, gibt es auch einfach Nachholbedarf: Wie ist es überhaupt zur deutschen Teilung gekommen?