Von Klaus Pokatzky

Freiburg, im Oktober

Für Freiburg vermeldete die Welt Unerhörtes, Einzigartiges. Neben einem Glasschaden von 150 000 Mark und sechs Festnahmen nach dem Tod des Frankfurter Demonstranten registrierte das Springer-Blatt "Steinwürfe auf Passanten". Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Conrad Schroeder war es "nicht angenehm", daß er, mal wieder, von vielen Kollegen im Bonner Parlament angehauen wurde: "Was ist denn nur in eurem kleinen Freiburg wieder los? Ihr seid auch immer dabei, wenn Krawall gemacht wird."

Und was war tatsächlich los in der badischen Universitätsstadt mit 180 000 Einwohnern und drei besetzten Häusern – dem Überbleibsel aus Zeiten, als der Elan der Freiburger Hausbesetzerbewegung sogar auf Berlin Signalwirkung hatte? Nachdem sich in Freiburg die Nachricht vom Tode Günter Sares verbreitet hatte, gab es, in der Nacht vom 29. auf den 30. September, "aus heiterem Himmel eine reine Scherbenaktion", so Polizeidirektor Bernhard Schreiber. In der verwinkelten Innenstadt wurden Scheiben von Banken und Versicherungen eingeworfen – und, ein Novum, auch von kleinen Boutiquen und Läden.

Von Steinwürfen auf Passanten ist bei der Polizei hingegen nichts bekannt. Und die sechs Festgenommenen mußte man rasch wieder auf freien Fuß setzen. Ein angeblicher Augenzeuge hatte bei der Polizei angerufen und gesagt, da habe gerade eine Gruppe von Schwarzgekleideten Autos demoliert und sei danach in einer bestimmten Kneipe verschwunden. Aber auf Anzeigen wegen Pkw-Beschädigung wartet die Polizei bis heute. Am folgenden Dienstag demonstrierten dann nochmals 800 Leute; außer zwei eingeworfenen Fensterscheiben "bei Geldinstituten und einem kleineren Schlagstockeinsatz bei einer kurzfristigen Verkehrsblockade vermeldete der Polizeibericht nichts Besonderes.

Seitdem ist es wieder ruhig. Demonstriert wird nun nur noch die Präsenz der Ordnungsmacht. Nachts stehen die grün-weißen Einsatzwagen der Polizei an allen Ecken der Innenstadt. In den Sträßchen und Gassen patrouillieren Dreierstreifen.

"Natürlich gibt es jetzt Bürger, die sagen: Jetzt kann ich mein Viertele nicht mehr schlucken‘ ", räumt Polizeidirektor Schreiber ein, aber die Mehrzahl "möchte noch viel mehr Polizei auf den Straßen sehen". Freiburg sei schließlich in Baden-Württemberg die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate; vor allem die leichte und mittlere Kriminalität schlage zu Buche: Autodiebstähle und Fahrräder. Und dann gebe es "auch so viele Punker, vor allem in den Sommermonaten, die, mit Ratten und Mäusen, betrunken die Bürger anbetteln und anpöbeln".