Von Anna v. Münchhausen

Wie seltsam: Je weniger Kinder geboren werden, desto bohrender richtet sich das Augenmerk auf ihr Wachsen und Werden. Kaum ein Bereich menschlicher Grunderfahrung wurde in den letzten Jahren so penibel ausgeleuchtet – Schwangerschaft und Geburt, die neuen Mütter/Väter/Babys/Großeltern lieferten Stoff für unendliche Geschichten, Erfahrungsberichte, Wissenschaftsreportagen, Ratgeber. Nun, könnte man voreilig schließen, wissen wir alles.

Alles? Ach, weit gefehlt. Wie schön es ist, wenn ein Baby zur Welt kommt, wie sehr sich alle freuen, wie die junge Mutter umhegt und gepflegt wird – alles gelogen, alles nur die halbe Wahrheit. Es gilt vielmehr, ein striktes Tabu zu demaskieren: die häßlichen Gefühle und die Krise der Partnerschaft, wenn die Zweier- zu einer Dreierbeziehung geworden ist.

Carmen Thomas hat junge Eltern interviewt und von ihnen erfahren, daß die heile Babywelt so heil nicht ist. Bedauerlich, daß ihre Informanten, die doch Kronzeugen sind, so anonym bleiben. Gut wäre es gewesen, zu erfahren: Sprechen da zehn, zwanzig, hundert Elternpaare? Alleinerziehende? Mütter mit 20 oder 35 Jahren? Wie viele Kinder haben sie großgezogen? Leben sie in einer norddeutschen Großstadt, in einem bayerischen Dorf? Wie viele der Mütter kehrten nach der Geburt des Kindes in ihren Beruf zurück? Niemand wird behaupten wollen, daß diese Koordinaten der Lebensumstände für die Art und Weise, wie aus Menschen Eltern werden, gänzlich irrelevant wären.

Doch sehen wir den häßlichen Gefühlen ruhig ins Auge. Was entlarvt das Tabu? Vater/Mutter/Kind im Horrorkabinett – der Säugling ein Bündel Gier, vom hemdsärmeligen Klinikpersonal in seiner menschlichen Würde mißachtet und aller psychologischen Erkenntnis zum Trotz vom ersten Tag an auf Triebverzicht getrimmt. Die Mutter körperlich am Ende, enttäuscht und überrascht von der Liebesunfähigkeit des sehnlich erwarteten Säuglings, der sie Tag und Nacht rücksichtslos beansprucht. Der Vater als der nur zu Sklaventätigkeiten herangezogene, sonst geduldete Dritte, geplagt von niederen Eifersüchteleien und überrascht vom Verlust der begehrenswerten Geliebten und ihrer Wandlung in eine dampfige Mutterstute.

Ist es so? Erkennen sich, nach Überwindung des Tabus, alle Betroffenen wieder? Was die interviewten Eltern enthüllten, liest sich überraschend uniform; meist waren sich "alle einig". Zum anderen aber mag es nützlich sein, sich vor Augen zu führen, daß Schwangerschaft und Geburt offenbar weniger archaisch gestaltete Erfahrungen sind als bislang angenommen – ja, sie scheinen gar für Wandel und Moden anfällig zu sein. Wir wehren uns zu Recht gegen die Keulen von gestern aus dem Repertoire der Kreißsaal-Feldmarschälle: Schreien stärkt die Lungen und das häufige Hochnehmen verwöhnt das Kind. Stillen ruiniert den Busen. Väter haben gefälligst draußen zu warten. Mütter wollen nach der Geburt erst einmal ihre Ruhe.

Das Schlimme freilich ist: Die Moden von gestern sind durch andere Moden abgelöst worden, und die setzen alle Beteiligten nicht weniger unter Druck: Väter müssen der Geburt beiwohnen, auch wenn sie sich winden vor Hilflosigkeit. Beim Kaiserschnitt wird die Mutter um das Geburtserlebnis betrogen, der Prozeß des bonding verzögert und erschwert. Rooming in lehnen nur faule Rabenmütter ab. Mit der Flasche ernährte Babys sind depriviert. Es scheint, als ob alle emotionalen Defizite unserer Kultur durch die Erfahrung einer Geburt im Handstreich kompensiert werden müßten, als ob sich durch dieses Erlebnis alle sonst verschütteten Körpergefühle regenerieren könnten. Nimmt es da wunder, wenn sich ein dermaßen geschürter Erwartungsdruck in einer "Krise nach der Geburt" entlädt?