Beim Denkmal des Moskau-Begründers, Juri Dolgorukij, rechts ab, an der Ecke Stoleschnikov-Gasse/Puschkinstraße, läßt eine lange Menschenschlange auf dem Bürgersteig vermuten, daß dort etwas Besonderes geboten wird. Über holprige Stufen geht es in den Moskauer Untergrund. "Pivnoj Bar" entziffert der, der Kyrillisch lesen kann, an der etwas abgeblätterten Fassade – also eine Bierbar, ein Bierkeller. Es gebe nur wenige davon, berichtet die einheimische Reiseleiterin. Diese inzwischen also recht seltenen Bierbars sind die Kommunikationstreffpunkte der Einheimischen in einer recht dürftig bestückten Moskauer Kneipenszene.

Aus dem Kellereingang schlägt dem Besucher ein Mief aus schalem Bier und herbem Fischduft entgegen. Weil es das Bier nur direkt aus der Schlange an der Theke in Selbstbedienung gibt, kaufen Eingeweihte gleich mehrere Krüge auf Vorrat. Und der Fischgeruch kommt vom Wobbla, einem getrockneten Salzhering, den die Russen traditionell zum Bier verzehren.

Dicht drängeln sich die Gäste um die Stehtische. So kommt Kommunikation ganz zwangsläufig zustande. Kann der Tischnachbar kein Russisch, kramen die Einheimischen ein paar Brocken Deutsch oder Englisch hervor, wird mit Händen und Füßen geredet. Natürlich ist auch in Moskaus Bierschwemme die Anti-Alkohol-Kampagne der sowjetischen Staatsführung Thema Nummer eins. Aber entweder fällt Bier für die Moskowiter nicht unter diese Rubrik, oder um die Kampagne steht es noch schlecht. Denn mindestens drei bis vier Halbe, entweder in der Arbeitspause oder sofort nach Feierabend, scheint für die Gäste ein absolutes Muß zu sein. Abends bleibt die Bierbar übrigens dicht, sie ist lediglich von neun bis 20 Uhr geöffnet.

Während die größte, bekannteste und moderne Moskauer Bierbar am Kalinin-Prospekt die Gemütlichkeit einer Bahnhofswartehalle ausstrahlt, wirkt der alte, reichlich mit Mosaiken verzierte Gewölbekeller in der Puschkinstraße vergleichsweise richtig anheimelnd.

Willi Bremkes