Noch bis zum 4. November ist im Hildesheimer Museum eine der schönsten und interessantesten Ausstellungen zu sehen, die in den letzten Jahren aus der immer von neuem faszinierenden altägyptischen Kultur gezeigt wurden: "Nofret – die Schöne. Die Frau im Alten Ägypten." Sie ist selbst für diejenigen sehenswert, die "Nofret" bereits in München oder in Berlin besucht haben. Denn in Hildesheim wurden die 96 Kairoer Ausstellungsstücke um 81 weitere aus international bekannten Sammlungen bereichert, aus Bremen, Hamburg, Hannover, aus Brooklyn, Leiden, Turin und aus Hildesheim; 30 besonders eindrucksvolle Leihgaben – und das ist geradezu sensationell – kamen aus der DDR nach Hildesheim.

Die Ausstellung von Leben und Stellung der ägyptischen Frau vor Jahrtausenden – von Königinnen und Beamtenfrauen, von Priesterinnen und den vielen weiblichen Gottheiten, aber auch von einfachen Frauen der Handwerker und Bauern und von den Dienerinnen – wurde also in Hildesheim nahezu verdoppelt. Das machte einen zusätzlichen Katalog erforderlich. Er wurde zu einer Auseinandersetzung mit den Ergebnissen, Ansichten, Deutungen der Münchner Ägyptologen zur Frage der Gleichberechtigung im alten Ägypten. Gerade dies ist es, was die Hildesheimer Ausstellung so besonders interessant macht. Die Münchner hatten sehr stark die "außergewöhnliche Stellung" der Ägypterin, betont. Kunstwerke und antike Originaltexte zeigten – so Professor Dietrich Wildung – "ein Bild der Frau .. ., das ... vor dem Hintergrund einer völlig selbstverständlichen Anerkennung der spezifischen Qualitäten von Frau und Mann steht, einer pragmatischen, nicht wertenden Funktionenteilung, die der Welt der Frau die gleiche existentielle Bedeutung zuerkennt wie dem Aufgabenbereich des Mannes. Auf diese Weise sei Gleichberechtigung aus der altägyptischen Sozialgeschichte ausgeschieden und ersetzt worden ‚durch die Selbstverwirklichung der Frau und des Mannes".

Von solcher modern anmutenden Partnerschaft der Geschlechter möchten die Hildesheimer vieles zurücknehmen. Aufgrund der von ihnen gezeigten zusätzlichen Darstellungen von Frauen und aufgrund anderer Auslegungen überlieferter Texte kommen sie fast zur entgegengesetzten Ansicht, was sie schon mit dem Untertitel ihres Katalogs andeuten: ",Wahrheit‘ und Wirklichkeit". Da beschreibt Wolfgang Helck, der einst an der Universität Hamburg lernte, wie die Ägypter ein "Prinzip der ,Wahrheit‘" entwickelten, das die Basis gewesen sei für eine Welt "der Selbstbeherrschung, der Unterordnung, der Ordnung aller Dinge in ein großes System, das bestimmt war von den Regeln eines harmonischen Zusammenlebens aller Menschen". So tritt uns aus den Darstellungen und Texten "das Bild des allwissenden und gerecht herrschenden Königs, des loyalen Beamten, des freudig arbeitenden Volkes, der glücklichen Familie" entgegen. Aber nie dürften wir "diese ‚Wahrheit‘ der alten Ägypter mit der .Wirklichkeit‘ gleichsetzen". Diese .Wahrheit’ zeige lediglich ein Bild des utopischen Lebens: "Wenn wir aus der Welt der .Wahrheit’ in die Wirklichkeit herabsteigen, wie sie uns in Zeugnissen der sog. ‚Arbeitswelt‘ erhalten ist, so zeigt sich ein ganz anderes Bild, das von einer Freiheit oder Gleichwertigkeit der altägyptischen Frau wenig übrig läßt."

(Hildesheim, Roemer- und Pelizaeus-Museum, noch bis zum 4. November, täglich 9-18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. Katalog in zwei Bänden 36 Mark, einzeln 23 Mark.)