Parteitag der französischen Regierungspartei

Toulouse, im Oktober

Man nennt sie die "rosarote Stadt". Das ist kein Hinweis auf die politischen Verhältnisse in Toulouse (350 000 Einwohner), wo der junge Starjournalist Dominique Baudis als Nachfolger seines konservativen Vaters zum Bürgermeister gekürt wurde. Ihren Beinamen verdankt die Metropole des Südwestens den hellen, langgezogenen Ziegeln, die das Ortsbild prägen und der hiesigen Backsteingotik etwas Anmutiges, gar Zierliches verleihen. Toulouse ist so reizvoll, weil die Stadt nicht nur eine wohlerhaltene Vergangenheit, sondern auch eine hoffnungsfrohe Zukunft hat. Längs dem Lauf der Garonne erstreckt sich das französische Silicon Valley; Toulouse ist der Hort der Hochtechnik, in dem 5000 Elektroniker und sonstige Forscher Satelliten entwickeln oder den Airbus bauen. In dieser Stadt hielt Ende vergangener Woche Frankreichs Sozialistische Partei ihren alle zwei Jahre stattfindenden Kongreß ab.

Lionel Jospin, der Erste Sekretär und Chef der französischen Sozialisten, hätte keine bessere Wahl treffen können, wollte er doch zeigen, daß seine Parti Socialiste (PS) zu einer "modernen Partei" geworden ist, die altlinke Dogmen und "Archaismen" überwunden hat. Bald fünf Jahre nach dem überwältigenden Wahlsieg galt es, endlich auch im eigenen Selbstverständnis den Schritt von der Oppositions- zur Regierungspartei zu vollziehen. Der Kongreß von Toulouse war so etwas wie "ein kleines Bad Godesberg", kommentierte hocherfreut der frühere "sozialdemokratische" Finanzminister und jetzige Vorsitzende der EG-Kommission, Jaques Delors, dem die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die französische Politik nur zu deutlich anzusehen ist.

Die Parallele zur Bundesrepublik ist indessen nicht ganz stimmig. Die deutschen Sozialdemokraten änderten 1959 ihr Programm, um regierungs- und mehrheitsfähig zu werden. Die französischen Sozialisten beschritten mit gut zwei Jahrzehnten Verspätung den umgekehrten Weg. Erst als sie an der Macht waren, befreiten sie sich allmählich vom ideologischen Ballast. Dieser krampfhafte Prozeß geriet jetzt zur "Oktober-Evolution". Zum erstenmal in der Geschichte der Partei verzichteten die 2000 Delegierten darauf, zum Abschluß ihres Kongresses die linke Faust zu erheben und aus voller Kehle die "Internationale" zu singen. Sie mußten sich mit der von Mikis Theodorakis vertonten Parteihymne begnügen, und zwar auch nur mit der Musik. Der anachronistische Text, wonach "hier und jetzt alles möglich ist", geht keinem mehr über die Lippen.

Freilich fällt es den Sozialisten an der Basis schwer, auf lieb gewordene Rituale zu verzichten. Beim Mittagessen nach dem Kongreß stimmte die Versammlung spontan doch noch die vom Franzosen Degeyter 1871 komponierte "Internationale" an; einzig der überraschte Parteichef Jospin blieb stumm. Es war das Zeichen, daß den Delegierten nach wie vor das Herz links schlägt, wenn auch der Kopf sich etwas nach rechts neigt. Während der drei Tage wurde denn auch unablässig die Frage erhoben, "inwiefern wir uns verändert haben".

Ein untrügliches Zeichen des Wandels jedenfalls war die Tatsache, daß einstige Reizwörter nun plötzlich mit jener zaghaften Wonne artikuliert wurden, mit der man Tabus bricht. "Muß sich die PS zu einer großen sozialdemokratischen Partei entwickeln?", wollte Lionel Jospin wissen. In seiner Eröffnungsrede hütete er sich davor, die selbstgestellte Frage zu beantworten. Aber daß der Parteichef das früher verachtete und verhaßte Wort von der "Sozialdemokratie" in den Mund nahm, ohne gleich ausgebuht zu werden, wir schon ein kleines Wunder.