Gelsenkirchen

Wenn Wilhelm Funcke die Ereignisse der letzten Zeit noch mal Revue passieren läßt, kann er ihnen eigentlich nichts Erheiterndes abgewinnen, ganz im Gegenteil. Und doch muß er plötzlich lachen, als ihm einfällt: "Dabei waren die Reifen nagelneu!" Vor einigen Monaten waren sie eines Nachts zerstochen worden; nur wenige Wochen später fiel dann das ganze Auto einem nächtlichen Brandanschlag zum Opfer.

Die Tat ist der bisherige Höhepunkt in einer seit Juni anhaltenden Serie von Attacken gegen den Gelsenkirchener Schulleiter Funcke. Wie berichtet (ZEIT Nr. 34), hatten unbekannte Täter zuvor sein Haus mit Parolen besprüht wie: "Funcke, wir werden dich töten" und "Türken raus!" Der Schulleiter hatte anonyme Briefe (Überschrift: "Todesurteil") und nächtliche Drohanrufe erhalten ("Morgen bist du dran, du Schwein!"); seine Haustür war mit einem fünf Kilogramm schweren Stein eingeschmissen worden.

Als Urheber der Aktionen gab sich die "FAP" zu erkennen. Das Kürzel steht für "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei", eine Gruppe, die den Neonazis um Michael Kühnen als neue Plattform dient, seit ihre "Aktion Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten" (ANS/NA) 1983 verboten wurde. Den Schulleiter Funcke wählten sie zur Zielscheibe, weil an dem von ihm geleiteten Ricarda-Huch-Gymnasium türkische Schüler gefördert werden. Der Anteil türkischer Gymnasiasten beträgt dort in manchen Klassen 30 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei zwei Prozent.

Polizeibeamte, die Funckes Haus schließlich observierten, hatten kurz vor dem Brandanschlag mehrmals nachts einen Mann und eine Frau in der Nähe des Hauses beobachtet. Die Beamten erwarteten ein Attentat. Den Schulleiter, der seitdem immer mehrere Feuerlöscher neben seinem Bett liegen hatte, beruhigten sie: Sechs Mann seien rund ums Haus verteilt und würden notfalls eingreifen. Gegen ein Uhr nachts, zwei Stunden bevor der Anschlag dann tatsächlich erfolgte, hatten sich die Beamten jedoch selbst schlafen gelegt. "Die tatkritischen Zeiten waren abgedeckt", versucht der Leiter des 14. Kommissariats, Wilhelm Becker, den Abzug seiner Leute zu rechtfertigen. In den vorangegangenen Nächten seien die beiden beobachteten Personen auch nie nach ein Uhr gekommen.

Wenige Stunden nach der Tat wurden der mutmaßliche Täter, ein 40jähriger Dortmunder, und seine Komplizin, eine 19jährige ehemalige Schülerin Funckes, festgenommen, jedoch kurz darauf wieder freigelassen. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Essen verzichtete darauf, sie dem Haftrichter vorzuführen, da ihnen "lediglich Sachbeschädigung" anzulasten sei.

Der Gelsenkirchener Landtagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Egbert Reinhard, forderte daraufhin Justizminister Rolf Krumsiek auf, die Staatsanwaltschaft zu einer Überprüfung ihrer Entscheidung zu veranlassen. Der Abgeordnete sieht in den Anschlägen gegen Funcke den Straftatbestand der "Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats" erfüllt. Minister Krumsiek mochte sich dem jedoch nicht anschließen und verteidigte das Vorgehen der Strafermittler. Inzwischen sitzt der mutmaßliche Täter, nachdem laut Staatsanwaltschaft "neue Erkenntnisse" hinzugekommen sind, in Untersuchungshaft, jedoch nach wie vor wegen des Verdachts der Sachbeschädigung.