Der Brand des Münchner Glaspalastes am 6. Juni 1931 vernichtete eine Ausstellung deutscher Romantiker mit 110 Meisterwerken, darunter acht Gemälden Caspar David Friedrichs. Die Nachricht von dieser Katastrophe ging rund um die Welt. Der Verlust kann nie verschmerzt werden.

In diesem Jahr fanden drei große Ausstellungen deutscher Malerei der Romantik statt. Eine Münchner Großbank feierte ihr 150jähriges Bestehen mit einer Kollektion von Meisterwerken, und auf neutralem Schweizer Boden warb in Zürich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihrem gesamten Bestand an Gemälden Friedrichs, Bleichens und Schinkels um die Gunst der Eidgenossen, während gleichzeitig in Bern die DDR nach jahrzehntelang geübter Praxis mit ihren Schätzen das gleiche tat. Keine der drei Ausstellungen verbrannte, aber der Preis für den politischen Erfolg war dennoch zu hoch.

Am 13. September 1985 fiel dem Packer einer Kunstspedition der schwere Metalldeckel einer Klimakiste in Caspar David Friedrichs Bild "Mönch am Meer", als das Gemälde, das zuvor mit anderen Werken des Malers noch in Stuttgart gezeigt worden war, gerade wieder an den Platz gehängt werden sollte, an dem die Berliner und die Besucher Berlins es zu sehen wünschen.

Verständlicherweise war dieser Unfall keine Zeitungsnotiz wert, denn man hatte Glück im Unglück gehabt. Da die Rückseite des Bildes mit einer Pappe geschützt war, wurde der Fall des Deckels gehemmt. Der Schaden ist ein zehn Zentimeter langer Riß im Himmel dieses berühmtesten Gemäldes des berühmtesten deutschen Malers der Romantik. Wenn im April nächsten Jahres die fünfzehn den Staatlichen Museen gehörenden Werke Friedrichs in Hannover gezeigt werden, wird alles vergessen sein.

Man sollte jedoch über den Vorfall nachdenken, weil er ein Warnsignal ist; als solches nämlich werden nur gewaltsame Verletzungen wahrgenommen. Der stetige Verschleiß der "Reisebilder" dagegen, auf den die Restauratoren und diejenigen unter den Museumsbeamten, die noch Konservatoren sind, seit geraumer Zeit vergeblich aufmerksam machen, wird von vielen zu Ausstellungsmanagern gewordenen Chefs nicht gern registriert; schließlich sind sie in ein internationales System von Verpflichtungen nach dem Do-ut-des-Prinzip eingespannt. Wer nicht den Mut hat, mit einer Verweigerung der Ausleihe seine Beliebtheit bei anderen Ausstellungsmachern und ihren Auftraggebern in der Politik zu gefährden, wer außerdem selber auf Leihgaben rechnet, der läßt die Ruinierung der "Reisebilder" durch den Ausstellungsbetrieb zu. Ein Gemälde, das einmal ausgeliehen worden ist, gilt den Ausstellungsmachern als verfügbar und wird immer wieder angefordert. Caspar David Friedrichs Gemälde "Mondaufgang am Meer" zum Beispiel ist in den letzten 15 Jahren an zehn Orten außerhalb Berlins gezeigt worden. Man sieht dem Bild die Ermüdung an. Der Zerstörungsprozeß schreitet um so schneller fort, je empfindlicher die Kunstwerke, aber auch je erfolgreicher die Ausstellungen sind. In den überfüllten Sälen, in denen kaum ein Besucher noch etwas sieht, die jedoch der Triumph der Organisatoren sind, bricht die Klimatisierung zusammen. Die Bilder werden durch die ständige Schwankung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit zermürbt.

Die Technik wird bemüht, um das Gewissen zu beruhigen. Immer kostspieligere Kisten werden gebaut. Aber es bleiben große, nie zu schließende Lücken in dem Sicherheitssystem. Wer einmal als Kurier mit einer Bilderkiste auf einem Flughafen gestanden hat, weiß, daß er gegen einen Flughafenangestellten machtlos ist. Für ihn ist eine löste mit einem Meisterwerk auch nur eine Kiste wie jede andere. Wenn sie zu Bruch geht, wird der Schaden durch die Versicherung gedeckt.

Alte Bilder sind eben nicht dazu gemalt worden, um immer wieder auf Tournee zu gehen. Die Mutation der Museen alter Kunst zu Ausstellungsproduzenten ist widernatürlich. Als der Jenaer Buchhändler Karl Friedrich Frommann, ein Freund Goethes, die drei frühen Hauptwerke Friedrichs, den "Mönch am Meer", die "Abtei im Eichwald" und das "Kreuz im Riesengebirge" (genau die drei Bilder, die die Nationalgalerie gerade der Berliner Schlösserverwaltung weggenommen und mit einer Triumphgeste in Stuttgart und Zürich präsentiert hat) im September 1810, kurz bevor der preußische König sie kaufte, im Atelier des Malers sah, bemerkte er mit sicherem Gespür für die Empfindlichkeit dieser Kunst in seinem Tagebuch: "Welche Dauer werden diese feinen Ölgemälde haben?" Ihm hatte der demütige Heroismus und die gewaltige Konzentration geistiger und seelischer Energien in einem langen Scnaffens- und Leidensprozeß jene Haltung ehrfürchtigen Staunens abgenötigt, in die auch heute noch die sensiblen Betrachter dieser Werke gezwungen werden. Sie wissen, daß nur die Stille, nicht der Betrieb die Kräfte dieser Bilder zur Wirkung kommen läßt. Der besorgte, liebevolle Blick des Buchhändlers ist nicht der befehlende des Generaldirektors, der seine weltweite Ausstellungsstrategie mit höchsten politischen Instanzen abgestimmt hat, wenn beispielsweise in Kürze die Schweizer Konfrontation von West-Berliner Romantikern und DDR-Romantikern sich in Peking (zum Glück ohne die drei Friedrichs) wiederholt.