Kiel

Kürzlich kramte der Hamburger Strafrechtsprofessor Heribert Ostendorf zusammen mit einem Kollegen ein längst vergessenes Dokument der Zeitgeschichte hervor: "Das Nürnberger Juristenurteil" von 1947, das der amerikanische Militärgerichtshof gegen sechzehn führende Juristen aus der Verwaltung und der Justiz des Dritten Reiches gesprochen hatte.

In einem Abschnitt des Verfahrens befaßten sich die Richter ausführlich mit einem schlimmen Kapitel nationalsozialistischer "Rechtspflege": dem "Nacht-und-Nebel-Erlaß" Hitlers aus dem Jahre 1941, der sich gegen Widerstandskämpfer in den von Deutschen besetzten Gebieten richtete.

Viele Menschen wurden nach dem "Nacht- und Nebel-Erlaß" ohne Benachrichtigung von Angehörigen oder Freunden aus ihren Heimatländern "ins Reich" verschleppt, dort isoliert und schließlich von Sondergerichten in Essen, Köln oder Kiel abgeurteilt. "Die Verfahren hatten Folter, Mißhandlungen und Mord von Tausenden zur Folge", schrieben die Nürnberger Richter.

"Das Kieler Sondergericht im Nacht-und-Nebel-Verfahren" – ein lohnendes Thema für eine Dissertation, meinte Ostendorf und fand auch schnell einen interessierten Doktoranden. "Es geht darum, einen Bereich der NS-Justiztätigkeit endlich einmal aufzuarbeiten", sagt Ostendorf. "Gerade in Schleswig-Holstein besteht da ein Bedarf: Es ist bekannt, daß hier viele aus der NS-Justiz nach dem Krieg wieder Unterschlupf in ihrem Beruf fanden."

Voraussetzung für eine wissenschaftliche Arbeit über dieses Thema wäre die gründliche Durchsicht der vorhandenen Akten – doch die soll verhindert werden.

Das schleswig-holsteinische Landesarchiv in Schleswig, in dem die etwa 10 000 Akten des Kieler Sondergerichts stehen, leitete den Anfang des Jahres gestellten Antrag auf Einsicht an den zuständigen Generalstaatsanwalt Gerhard Teschke weiter, und dieser lehnte das Ansinnen ab: "Einer Durchsicht des gesamten noch nicht geordneten Aktenbestandes der Jahre 1942 bis 1945 vermag ich nicht näherzutreten."