Von Michael Jungblut

In einer düsteren Fabrikhalle, verborgen hinter allerlei Gerümpel, von einer fingerdicken Staubschicht bedeckt und seit Jahrzehnten vergessen, schlummert in Anting bei Shanghai ein Stück Automobilgeschichte: Ein Buick und ein Mercedes 220 aus den fünfziger Jahren. Die Chinesen hatten sich damals entschlossen, in eigener Regie eine Pkw-Fertigung aufzubauen. Da innen aber noch jede Erfahrung im Fahrzeugbau fehlte, sahen sie sich bei den führenden Automobilbauern der Welt nach geeigneten Vorbildern um. Aus den USA und der Bundesrepublik beschafften sie sich dann schließlich die beiden Modelle, die in die engere Wahl gekommen waren.

Nachdem der Buick und der Daimler bis zur letzten Schraube zerlegt und begutachtet worden waren, fiel die Entscheidung schließlich zugunsten des deutschen Fabrikats. Die ersten "Shanghai" glichen denn auch dem Vorbild aus Stuttgart bis in die Details. Selbst die heute gefertigten Karossen können die Verwandtschaft mit dem Ahnen aus Deutschland nicht verleugnen.

Der Mercedes symbolisiert allerdings nicht nur den Beginn der chinesischen Pkw-Produktion in Shanghai, sondern zugleich auch die ersten Anfänge einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit im Automobilbau. Denn genau da, wo einst deutsche Ingenieurkunst zunächst nur "nachempfunden" wurde, entsteht heute rund um die Halle mit den beiden lange vergessenen Veteranen die erste moderne Autofabrik des Landes – diesmal allerdings in direkter Zusammenarbeit mit einem deutschen Partner, dem Wolfsburger VW-Konzern.

Lange werden die im Stil der damaligen Zeit schwarzlackierten Karossen deshalb auch nicht mehr unter ihrer Staubschicht schlummern, "Wir wollen sie wieder auf Hochglanz bringen und zum Mittelpunkt eines kleinen Automobilmuseums machen", erklärt Martin Posth, Vorstandsmitglied der Shanghai Volkswagen Automotive Company.

Die beiden Veteranen werden der Nachwelt daher erhalten bleiben. Ein anderes – heute noch sehr lebendiges und auf der ganzen Welt einmaliges – Stück Automobilgeschichte wird dagegen schon bald nicht mehr zu sehen sein: Das unmittelbare Nebeneinander und sogar Durcheinander von Produktionsverfahren zwischen denen ansonsten mehr als ein halbes Jahrhundert liegt.

Und das kam so: Anfang der achtziger Jahre sahen sich die Wirtschaftsplaner in Peking wieder einmal in der Welt der Automobilbauer um. Diesmal ging es um einen Partner, der ihnen nicht nur ein für chinesische Bedürfnisse geeignetes Modell liefert, sondern sie auch beim Aufbau der Produktion beraten könnte. Denn zur Versorgung des Milliardenvolkes mit Transportmitteln reichen die 250 000 Fahrzeuge – darunter nur sechstausend Pkw – die bisher in den 37 einheimischen Werken pro Jahr gefertigt wurden, bei weitem nicht aus. Die chinesischen Experten sprachen mit Europäern, Japanern und Amerikanern – und entschieden sie sich schließlich auch diesmal wieder für eine deutsche Lösung. Der "Santana" von VW erschien ihnen als das richtige Fahrzeug, weil sie ein Auto haben wollten, dessen Stil sich nicht so rasch ändert und das vor allem auf die Bedürfnisse mittlerer Kader in Partei, Wirtschaft und Verwaltung zugeschnitten ist.