Von Hans Jakob Ginsburg

Hamburg, im Oktober

In der Nacht nach Günter Sares Tod in Frankfurt hatten Gewälttäter in Hamburg brennende Straßensperren errichtet, dann Steine und Molotow-Cocktails auf Polizisten geworfen. Zwölf junge Leute wurden wegen Landfriedensbruchs, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr festgenommen. Am nächsten Tag, einem Sonntag, zerbarsten Fensterscheiben: Junge Krawallmacher stürmten durch Einkaufsstraßen und warfen die Fensterscheiben von über hundert großen und kleinen Geschäften ein. "Amok-Lauf" hieß das im sonst so bürgerlichbetulichen Hamburger Abendblatt – als seien Wahnsinnige mit Dolchen unterwegs gewesen. "Wie lange wollen Sie die Krawalle den Bügern und der Polizei zumuten?" fragte der Reporter des Blattes den Innensenator Rolf Lange. Dessen Antwort: "Die Leute, soweit sie Bewohner der betreffenden Häuser sind, haben Mietverträge. Bei einer Straftat fliegt man nicht automatisch aus seiner Wohnung."

Ein unverständlicher Dialog, wenn man nicht weiß, wo in der Anderthalb-Millionen-Stadt Hamburg die Barrikaden brannten: in der St. Pauli Hafenstraße, gegenüber den Landungsbrücken, wo 1981 acht verkommene Häuser besetzt und 1983 an die Besetzer vermietet wurden. Hier gibt es immer wieder Krawalle, hier werden Polizisten bedroht, hier prügeln sich kahlgeschorene Skinheads aus der Nachbarschaft – Neonazis – mit den Hausbewohnern, hier haben sich offenbar die aggressivsten aus der aggressiven Szene verschanzt. Sie habe ihre Wohnungen selten instandgesetzt, meistens vergammeln lassen. Die Brandmauer eines der Häuser wurde mit Donald Duck bemalt, aber auch mit dem Bild eines Schweins und der Umschrift "Das dressierte Schwein – Polizei Hamburg", dazu eine rote Zange auf schwarzem Stern – Bedeutung des seltsamen Symbols: "Kriminelle aller Länder vereinigt Euch!" In Hamburg, so will es scheinen, ist die Gewalttätigkeit lokalisierbar.

Da liegt der Gedanke nahe, den geographisch abgegrenzten Gefahrenherd zu beseitigen – das heißt die Häuser zu räumen, so schwer das angesichts der Rechtslage sein mag. Läßt sich soziale Unrast aber chirurgisch bekämpfen wie eine Krankheit? Würden die Gewalttäter friedlicher werden, wenn man sie von ihrem Tummelplatz am Hafen verjagt? Und würden nicht viele aus dem linken Kneipenmilieu der Hamburger Altbauvororte den Leuten von der Hafenstraße zu Hilfe eilen, wenn die Polizei ernsthaft gegen sie vorginge? Die legalisierten Hausbesetzer selber setzen darauf. In einem Videofilmehen, das sie produziert haben und in der Szene verbreiten, sagt einer von ihnen: "Die Hafenstraße hat so ’nen komischen Beigeschmack – wir sind so ein Mob. Aber auf so ’nen Mob kann man sich, wenn’s hart kommt, verlassen."

Hart geworden im Sinne der Linksradikalen ist es seit Günter Sares Tod. Als eine Woche nach dem Frankfurter Geschehen die Hamburger Grün-Alternativen zur Demonstration aufriefen, zogen viertausend Menschen durch die Innenstadt, darunter die Vermummten, die Lederjackenbewehrten, die Schwarzgekleideten – ein paar hundert, die diesmal friedlich blieben. Das lag nur daran, sagen die Staatsschützer, daß über zweitausend Polizisten Straßen und Fensterscheiben der City sicherten. Dafür gingen dann in der folgenden Nacht in zwölf Hamburger Warenhäusern Zeitzünder los, es brannte, die automatischen Sprinkleranlagen löschten überall das Feuer und setzen so viel Ware unter Wasser, daß der Sachschaden in die Hunderttausende ging. Mit Brandsätzen in einem Kaufhaus hatte in den sechziger Jahren der Weg von Baader und Ensslin ins kriminelle Abseits angefangen.

Keiner bekennt sich zu den Brandanschlägen, die Militanten wollen sich freilich auch nicht distanzieren. "Was ich davon halte? Artifizieller Widerstand ist das", sagt einer aus der Hafenstraße. Widerstand, nun gut, aber artifiziell, also künstlich? Wäre im Gegensatz dazu der natürliche Widerstand Gewalt gegen andere Menschen? "Nein, artifizieller Widerstand, das heißt: Widerstand als Kunst." Das Fremdwort ist falsch gewählt, aber der Sinn ist klar: Viel Aufsehen mit geringem Aufwand, großer Schaden bei kleinem Einsatz, auch die historische Erinnerung an die Anfänge des RAF-Terrorismus – all das macht die "Kunst" aus.