Die bessere First Lady

Während Ronald Reagan sich für den Genfer Gipfel vorbereitet, rüstet sich seine Frau zum Wettstreit mit Raissa Gorbatschows – um die größere, die positivere Publicity. Auf frühere amerikanische Erfahrungen mit sowjetischen Generalsekretärsgattinnen kann Nancy nicht bauen: Bis zum Antritt der Gorbatschows waren die Frauen der Kremlführer fast unsichtbar auf der internationalen Bühne; als 1961 in Wien ausnahmsweise nicht nur John Kennedy und Nikita Chruschtschow, sondern auch ihre Frauen zusammenkamen, war das eine Konfrontation von Jugend, Chic und Glamour mit dem gänzlich anderen Charme einer russischen Babuschka. So wird es dieses Jahr gewiß nicht gehen – und darum will Nancy Reagan nicht als luxusliebende, elegante Lady auftreten, sondern als Vorkämpferin ihrer großen Kampagne gegen das Rauschgift. Damit – glaubt man im weißen Haus – werde sich die First Lady aus Washington positiv gegen die Dame aus Moskau abheben, die sich jetzt in Paris vor allem für Haute Couture, Picasso und die Impressionisten interessierte.

Langer Marsch an die Spitze

Noch einmal begab sich Hu Yaobang auf den Langen Marsch. Auf einem Esel reitend überquerte der 70 Jahre alte Generalsekretär der chinesischen KP dieselben Bergrücken in den Provinzen Sichuan und Gansu, die Chinas Kommunisten vor einem halben Jahrhundert bei ihrem legendären Ausbruch aus der Umklammerung der nationalistischen Truppen Tschiang Kai-scheks überwinden mußten. Zehn Minuten lang zeigten die Pekinger Fernsehnachrichten einen lachenden, scherzenden Parteichef, wie er traulich mit Bauern am Wegesrand plauderte. Die Armeezeitung würdigte in einem langen Artikel Hu Yaobangs Beitrag zur Befreiung des Vaterlands als Politischer Kommissar in der Roten Armee. Der Hintergrund der konzertierten Imagepflege: Hu soll als Nachfolger Deng Xiaopings den Vorsitz der mächtigen ZK-Militärkommission übernehmen. Daß die Armeeführung, die loyal hinter Deng steht, seine Promotion zum Oberbefehlshaber nicht ohne Skepsis sieht, weiß Hu Yaobang selbst am besten. "Solange Deng Xiaoping die Kontrolle über das Militär ausübt", räumte er jüngst ein, "genügt ein einziger Satz von ihm; unter unserer Kontrolle wären fünf Sätze notwendig."

In eigener Sache

Jemand, der am Sonntag in der Heide spazierenging, griff einen Gesprächsfetzen auf. In einer vorbeikommenden Gruppe junger Leute sagte einer: "Daß das nicht von Goethe ist, das hätte er wirklich wissen können." Also: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Leser lachen hohn und die Konkurrenz hat ein willkommenes Thema für ihre Glossenspalten. Was ist geschehen? Der Feuilletonchef der ZEIT hatte als Schlußpointe zu einem Artikel über die Buchmesse den Altmeister Goethe zitiert. Dieser habe bedauert, daß in Frankfurt die "Schreberhäuslein hinter dem Bahnhof" den Verlegern mit ihren Bücherständen hätten weichen müssen. So stand es auf Seite 1 der ZEIT.

Goethe und Bahnhof – wie denn das? Und Schrebergärten, wo doch die Idee dazu erst 1864 geboren wurde? Fritz Raddatz hatte dieses "Zitat" der Neuen Zürcher Zeitung entnommen, dabei aber nicht bemerkt, daß es sich um eine Satire handelt. Ein Feuilletonchef, der nicht richtig lesen kann ... die Zeitung ist blamiert, die Redaktion zornig. Man kann nur hoffen, daß dieser Sturz in die Tiefe dem Autor für alle Zeiten vor Augen führen wird, daß die Kehrseite seiner oft zu bewundernden Schnelligkeit – Schludrigkeit – eben doch sehr schwer wiegt.

Marion Gräfin Dönhoff