Er war in Frankreich bereits eine nationale Institution, als es diesseits des Rheins allenfalls Arne Krüger gab. Inzwischen sind Gert von Paczensky oder Wolfram Siebeck fast so populär hier wie dort. Aber verkaufen sich ihre Bücher als Bestseller wie seine? Robert Courtine, Journalist bei Le Monde, ist Erfolgsautor. Er nennt sich nach dem Financier, Schriftsteller und Gourmet Laurent Grimod de la Reynière (1758-1838), dem Autor des "Almanach des Gourmands", La Reynière und ist seit über dreißig Jahren Restaurant-Kritiker, "gastronomischer Chronist", wie er sich selbst bezeichnet. Jede Woche erscheint seine Kolumne im Feuilleton, jede Woche schlägt er den Rekord der eingehenden Leserbriefe. Er wird gefürchtet, geliebt, bekämpft und angezweifelt in der Kompetenz, doch den alten Herrn – er ist 75 – schert das wenig.

Natürlich ist er Mitglied aller kulinarischen Klubs und Jurys, und behauptet, nach wie vor unbestechlich und objektiv zu sein. Was ihn für den an Sterne-Restaurants Desinteressierten interessant macht, sind seine literarischen Bücher, seine retrospektiven Speise-Führer, die aufgrund von Recherchen im literarischen Werk großer Schriftsteller ein Porträt der Eßgewohnheiten der verschiedenen französischen Gesellschaftsklassen geben, die zwar Nachschlagewerkcharakter haben, zugleich aber eine poetische Form von Rezeptbüchern sind:

"Zola à table", "Balzac à table", "Les cahiers de recettes de madame Maigret" oder sein letztes, "La vie parisienne, cafés et restaurants des boulevards, 1814-1914".

Simenon ist sein alter Freund, nicht zuletzt, weil er in seinen Krimis oft schildert, was Maigret oder seine zwielichtigen Gestalten, denen er nachspürt, gern essen. Im Café und Restaurant der Champs-Elysees, "Chez Fouquet’s", hat Courtine denn auch eine Gedenktafel anbringen lassen zu Ehren des Bestseller-Kollegen der Krimi-Literatur. Denn hier hat der junge Schriftsteller aus Lüttich 1922 seinen ersten Pariser Aperitif getrunken, bevor er mit Millionenauflagen die Welt eroberte.

Essen ist für Maigret wichtig, und der Kommissar zitiert neben zahlreichen Bistrots – wo man an der Theke in Eile ein "demi" runterstürzen oder vor einem "Anis" gemütlich verweilen kann – denn auch gern seine Lieblingsgerichte. "Andouilette" zum Beispiel, Innereien, oder "Navarin printanier". Und wie Courtine beurteilt auch Maigret ein gutes Restaurant oft nach der Qualität seiner Desserts, liebt Maigret stets eher deftigen Nachtisch, wie einen stark mit Rum getränkten "Baba".

Robert Courtine begnügt sich jedoch nicht mit dem Aufzählen der bei Simenon vorkommenden Restaurants, sondern er hat das immense Œuvre seines Freundes auch genau auf erwähnte Speisen durchgearbeitet. Seine "literarischen Forschbücher auf gastronomischem Sektor" haben das gleiche Schema: Sie geben die Zitatstellen des jeweiligen Romans wieder, dann eine Anmerkung zum Gericht (die notwendige Ingredenzien, die beste Kochsaison, Abänderungsmöglichkeiten) und zum dritten das detaillierte Rezept selbst.

Simenon, der selten Interviews gibt und ungern Vorworte schreibt, hat, von so viel Arbeitseifer gerührt, dem "Rezeptheft der Madame Maigret" dann doch ein schmeichelndes Vorwort gewidmet, in dem er Robert Courtine, genannt La Reynière, als den letzten "klassischen Kenner der französischen Küche" bezeichnet, "der sich die Mühe macht, den ‚Wurzeln‘ jedes Gerichtes nachzuforschen, die Landschaft aufsucht, aus der es kommt, den Menschen nachspürt, bäuerlichen, bürgerlichen oder aristokratischen, die es kochten". Simenon lobt Courtine, weil er komplizierte, allzu schwere Speisen vor allem des 19. Jahrhunderts auf die Bedürfnisse unseres abgehetzten, frugale Mahlzeiten gewöhnten Magens zu vereinfachen weiß.