Mit diesen Bekenntnissen rannten die Mediziner bei den Regierenden in Ost wie West nicht gerade offene Türen ein. Zwar schickten der amerikanische Präsident Reagan wie die jeweiligen Führer der Sowjetunion regelmäßig Grußbotschaften, wenn die IPPNW ihre seit 1981 jährlich stattfindenden Weltkongresse durchführte, doch in den Ländern stieß die Organisation auf Schwierigkeiten. So war in der Sowjetunion eine öffentliche, von der IPPNW forcierte Diskussion über den Unsinn von Zivilschutzmaßnahmen lange Zeit tabu. Im Westen wurde die IPPNW immer wieder, auch jetzt anläßlich der Nobelpreis-Verleihung, als von Moskau gesteuertes Instrument diskreditiert. Nicht zuletzt kritisierten Kollegen das Engagement. "Ideologische Fremdenlegionäre" nannte der Geschäftsführer der Bundesärztekammer die IPPNW.

Er hoffe, sagt Till Bastian, daß mit der Preisverleihung nun die "dümmlichen Verleumdungen" aufhörten, die auch der Grund dafür sein mögen, daß in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenige Ärzte der IPPNW angehören. Die deutsche Sektion, die seit 1982 besteht, hat rund 3200 Mitglieder; das entspricht etwa zwei Prozent aller Ärzte. In Finnland sind fast alle Ärzte in der IPPNW organisiert, in Neuseeland sind es mehr als 75 Prozent, in Schweden 35 Prozent. In Großbritannien unterstützt der Präsident der britischen Ärztekammer die Organisation.

Als einen Erfolg ihrer Arbeit wertet die IPPNW, daß die noch vor wenigen Jahren in den USA erörterte Frage, ob ein Atomkrieg führbar und gewinnbar sei; mittlerweile verstummt sei. Ebenso sei es "Ausdruck unseres Erfolges", wie Bastian sagt, daß der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow jüngst einen Stopp von Atomtests gefordert habe – eine alte IPPNW-Forderung. Und auch in der Bundesrepublik habe man schon erfolgreich auf die Politik eingewirkt.

Daß das für 1984 angekündigte Zivilschutzgesetz noch nicht verabschiedet ist und daß das sogenannte "Gesundheitssicherstellungsgesetz", das die Medizinversorgung für den Kriegsfall regelt, wieder zurückgezogen wurde, sei mit auf den widerstand der Ärzte-Initiative zurückzuführen. Schließlich sei es die IPPNW gewesen, die massiv auf die Folgen eines "nuklearen Winters" hingewiesen habe, worunter man den tiefen Temperatursturz versteht, der eintritt, wenn auf Grund von starker Rauchentwicklung die Sonnenstrahlen die Erde nicht mehr erreichen. Der Satz "Die Lebenden werden die Toten beneiden" fiel auf einem IPPNW-Kongreß.

Im nächsten Jahr werden sich die rund tausend Delegierten aus allen 41 Mitgliedsstaaten sowie rund zwanzig weiteren Ländern, in denen die Gründung von Sektionen geplant ist, zum erstenmal in der Bundesrepublik, in Köln, zu ihrem jährlichen Weltkongreß treffen. Davon wie vom Nobelpreis erhofft sich Till Bastian einen weiteren Ansporn für die ermüdende Friedensbewegung.

"Die stille Zustimmung zu unserer Arbeit ist groß", sagt Bastian, "aber aktiv geworden sind bislang nur wenige."