Von Horst Bieber

Vierzig Jahre alt und noch immer in den Flegeljahren – das ist der Tenor der milderen Urteile über die Vereinten Nationen, die in dieser Woche mit großem Aufwand ihren Geburtstag feiern. Vierzig Jahre sind genug – so klingt’s vornehmlich aus dem Gastgeberland Amerika, was heißen soll, man habe sich von einer so nutzlosen wie teuren Weltorganisation lange genug auf der Nase herumtanzen lassen. Zwischen beiden Positionen steht die Mehrheit. Sie verlangt "Reformen", ohne jedoch zu sagen, was denn nun – und in welche Richtung – reformiert werden soll.

In der Tat haben es die Kritiker leichter als die Verteidiger der Vereinten Nationen. Teuer, nutzlos, schwatzhaft, antiwestlich, antisemitisch, unrealistisch, handlungsunfähig – jeder Vorwurf stimmt und wird mit jeder Vollversammlung berechtigter, die nach großen Reden ergebnislos auseinandergeht. Das Weltforum hat nach 1945 weder den Frieden gesichert noch regionale Kriege verhindert, weder die wirtschaftliche Unterentwicklung beseitigt noch die Menschenrechte auf der Erde durchgesetzt. Es hat, kurz gesagt, all das nicht geleistet, was seine idealistischen, über den Zweiten Weltkrieg des Jahrhunderts erschrockenen Gründungsväter der Organisation aufbürdeten, weil es die Einzelstaaten nicht mehr zu leisten vermochten.

Deswegen sollte vor jedem Urteil und jedem Ruf nach Reform erst einmal das hochgesteckte Ziel revidiert werden. Der Wunsch nach dem ewigen Frieden ist uralt und wird noch lange bleiben. Die Hoffnung, die Völker könnten sich in einem alle Grenzen aufhebenden Bund zusammenfinden, hat in der Vergangenheit getrogen und wird in der Zukunft noch oft trügen. Selbst eine Weltorganisation wird daran nichts ändern können. Sie kann nicht friedlicher sein als ihre Mitglieder, die souveränen Staaten. Dies einzusehen, heißt auch, ihr daraus keinen Vorwurf zu machen.

Mit bescheidenerem Maß gemessen haben die Vereinten Nationen denn auch nicht ein "Ungenügend" als Note verdient, sondern ein "Ausreichend", zeitweise mit einem Minus, gelegentlich mit einem Plus versehen. Als jährlicher Treffpunkt und als Clearing-Stelle für Ideen, Ideologien und Informationen haben sie sich trotz aller unbestreitbaren Mängel bewährt. Wo anders als in der "Schwatzbude am East River" kann ein kleiner, wirtschaftlich schwacher und militärisch bedeutungsloser Staat den Großmächten seine Meinung sagen? Wo, wenn nicht im Glaspalast, kann er anklagen und sicher sein, daß ihm wenigstens zugehört wird? Wo sonst können die Kleinen ihre Nöte artikulieren und Bundesgenossen finden? Oder auch, der eigenen Hilflosigkeit nur zu gut bewußt, einmal Dampf ablassen? Wo schließlich erleben sie, daß die Mächtigen sich vor den Machtlosen rechtfertigen müssen?

Für den Bürger des industriellen Nordens, der in der Flut von Informationen zu ertrinken droht, ist schwer vorstellbar, daß andere Staaten unter dem Gegenteil leiden können. Auch hier helfen die UN; rund eine Milliarde Blatt werden jährlich produziert, vervielfältigt, verteilt – nicht immer den Ansprüchen sachgerechter Objektivität genügend, daran besteht kein Zweifel, aber für viele Staaten, Gruppen, Institutionen unverzichtbare, weil einzige Grundlage.

Schließlich darf nicht unterschätzt werden, was die Unterorganisationen für die Mehrheit der 159 Mitglieder leisten, ob sie nun Unesco, Unicef, Weltgesundheitsbehörde oder Flüchtlingskommissar heißen. Wer Not nicht kennt, neigt leicht dazu, Hilfe kritisch zu betrachten, erst recht, wenn er das Geld dafür gibt und sieht, daß sein Beitrag schlecht verwaltet oder von einer unnütz großen Bürokratie aufgezehrt wird. Dann verärgert auszutreten und die Zahlungen einzustellen, ist freilich der falsche Weg. Für Verbesserungen kann nur sorgen, wer als Mitglied die dafür nötige Mehrheit sucht.