Von Heinz Josef Herbort

Das Bildmotiv, das Signet, auf den Plakaten oft zwar eine optische Delikatesse und von Sammlern der Litho-Phase begehrt, aber doch eher ohne wirkliche Beziehung zu den tatsächlichen klanglichen Ereignissen bei den Donaueschinger Musiktagen, erweist sich in diesem Jahr als treffende, ebenso tiefsinnig-witzige wie resignative Analogie. "Vorübergehende Erinnerung" nennt Astrid Klein ihre palimpsestartige Überblendungscollage aus abbröckelnden Mauerwerkstrukturen und bezifferten Kreisausschnitten: Die Zielscheibe mag man nur erahnen, allenfalls die wenig punktende Peripherie ist zu erkennen, das Zentrum ist versickert, zerkratzt, indefinabel geworden; farblos zudem das Ganze, ein gerade noch in Schattierungen nuanciertes Grau. Vorübergehende Erinnerung – da war doch was?

Zur Barockzeit – so haben wir es in diesem Musiker-Jubiläumsjahr immer wieder lernen können und sollen – galt als keineswegs anrüchig oder gar für einen GEMA-Prozess tauglich, daß ein Komponist bestimmte Teile oder nur die Theorie, ganze Abschnitte oder nur die Idee zu einer früheren Komposition als "Material" ansah, vielseitig verwertbar und immer wieder benutzbar. Nicht nur die jungen Komponisten unserer Tage scheinen das Prinzip wiederentdeckt und als durchaus annehmbar, künstlerisch profitabel, ja ausgesprochen wichtig erkannt zu haben.

Karlheinz Stockhausen zum Beispiel hat die einzelnen Szenen seiner beiden bislang fertigen "Licht"-Opern ("Donnerstag" und "Samstag") zunächst separat entwickelt als autonome, teils konzertant, teils szenisch realisierte, aber in sich selber ruhende (allerdings untereinander durch die musikalische Grundsubstanz der "Formel" verwandte) Kompositionen. Nun liegt nichts näher, als die am Ende komplette Szenenfolge wieder aufzureißen und neu zu akzentuieren. So hatte er schon früher die sechs Schlagzeug-Gruppen, die "Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem" kontrapunktierend begleiteten, umfunktioniert, hatte ihre Klänge elektronisch realisiert und so ein neues Ambiente erzeugt. So ließ er jetzt das Blas-Orchester, das im "Samstag" für die Szene "Luzifers Tanz" zur Bühne fungierte, austauschen gegen ein Ensemble aus fünf quasi solistischen Bläsern und zwei Schlagzeugen – im "Oberlippentanz" protestiert Michael, der Trompeter, jetzt gegen sieben neue Gegenspieler. Daß die so gar nicht "häßlich" wirken, daß im Gegenteil eine brillante Sololeistung musikalisch mit einem mal dichten, mal lockeren Ensemble konzertiert in sehr gegensätzlichen Stimmungen mit eher lyrischen Grundtönen, hängt mit einem schon früher richtigzustellenden Vorurteil zusammen: Luzifer, der Lichtengel, ist für Stockhausen keineswegs das Prinzip des Bösen.

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Über das Zyklische der Jahreszeiten haben wir in Hamburg vielleicht unsere eigenen Vorbehalte, seit die letzten beiden Sommer doch jeweils recht milde Winter waren – sie müssen für den Schweizer Heinz Holliger nicht gelten. Der nämlich gab schon 1975 für seine ersten Scardanelli-Hölderlin-Vertonungen für a-capella-Chor die Anweisung, es könne zwar mit einer beliebigen Jahreszeit begonnen werden – die "natürliche" Reihenfolge sei aber einzuhalten. Inzwischen sind drei solcher Jahreszeiten-Serien entstanden, die, was liegt näher in dieser Form der Aleatorik, ineinander verschachtelt werden können: Frühling II – Sommer I – Herbst III – Winter I oder ähnlich.

Aber Holliger ging noch weiter. Als Oboer und auch in seinen früheren Kompositionen eigentlich doch immer mehr mit Instrumentalmusik befaßt, kombinierte er jetzt seine Jahreszeiten-Zyklen mit (selber wiederum autonomen) Stücken für Flöte solo oder für kleines Orchester, denen sich noch Tonbandklänge addieren. Collagen also, könnte man meinen; aber es sind eher Dialoge – zwei, drei, vier nicht in jeder Beziehung miteinander meinungskonforme, manchmal offenbar gar nicht Aufeinander, sondern nur sich selber zuhörende Partner. Hölderlins Texte, in sich eher ein Drogen- oder Genußmittel für eine Gemeinde, jetzt auch noch auf eine molekulare Struktur gebracht und im Raster der hochkomplizierten Serien- und Kanon-Techniken in ein System horizontaler und vertikaler Textschnitte gebracht und damit fast frikassiert, gespiegelt, verkrebst, spiegelgekrebst und in Vierteltonklänge gestaucht, sechzehnstimmig übereinandergeschachtelt und nach den Gesetzen der Kombinatorik nacheinander abgerufen; das Ganze umrahmt von wispernden und zirpenden, ätherischen und hypersensiblen Klängen – da kann, nein: da muß auch die Donaueschinger Gemeinde sich spalten in Gläubige und Agnostiker.