Liebe tut gut und macht Mut", schreibt die 23jährige Manuela mit der linken Hand; die rechte ist verkrüppelt. Es ist der Anfang eines langen Gedichts, das sie an ihren Schatz schreibt. Der Schatz ist mein Sohn, und Gedichte sind ihre Spezialität.

Wenn ich ihre kleine, unförmige Gestalt hinkend auf meinen Sohn zugehen sehe, der Hut hängt schief auf dem Kopf, der Rock ist viel zu lang, und wenn er sich schlurfend auf sie zubewegt, sie umarmt und ihm vor lauter Glück dabei die Tränen übers Gesicht laufen, wende ich mich nicht mehr ab. Ich kann es ertragen, daß die beiden so unverhohlen ihre Gefühle zeigen, ob nun andere dabei zusehen oder nicht. Er ist frisch rasiert und gut gekleidet (dafür muß ich sorgen), und dann sieht der Dreißigjährige wirklich gut aus; die sonst so trüben Augen strahlen.

Mir wärmt es das Herz, and doch ist es immer noch peinlich, wenn wir zu dritt bei einem Ausflug in eine Gartenwirtschaft gehen und die Leute am Nebentisch das Liebespaar so unverwandt anstarren. Dann ertappe ich mich dabei, daß ich zurückstarre und mir entfährt: "Ja, die beiden sind behindert! Das sehen Sie doch!" Hinterher schäme ich mich deswegen.

"Wenn alle ,normalen‘ Leute so glücklich wären und sich so lieben könnten wie die Behinderten, wäre die Veit bereits ein Paradies", sagt etwas überschwenglich der Leiter eines Wohnheims für geistig Behinderte.

Liebe unter geistig Behinderten und das Recht auf Partnerschaft und Zusammenleben in den Heimen, das ist immer noch ein Tabu. Wilde Phantasien werden da wohl wach, der Gedanke in Orgien, unerwünschte Kinder, an Zwangssterilisation und ähnliche Schreckensvokabeln aus der Nazizeit. Vorstellungen von aggressiver Sexualität, von Vergewaltigungen spuken durch die Köpfe und machen Angst.

Doch die Erfahrung mit geistig Behinderten zeigt, daß gerade sie in ihrer Suche nach Liebe nicht zu aggressivem Verhalten neigen, sondern Zärtlichkeit und Wärme suchen. "Die meisten sind zufrieden, wenn sie sich streicheln und bei der Hand halten können", sagt ein Sozialarbeiter, der ein Wohnheim betreut. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe lassen sich eher Nachbarn, Verwandte oder gar Mitarbeiter in den Werks täten zuschulden kommen. Fälle, die lange verschwiegen werden, und wenn sie herauskommen die Öffentlichkeit erschüttern.

Die Starken und die Schwachen