Von Bernhard Blohm

Noch Anfang September machte Werner Schwilling, Kapitalmarktexperte der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzender einer der größten Wertpapieranalysefirmen im Lande, klar, wohin die Reise am Kapitalmarkt führen sollte: "Sechs Prozent für eine Bundesanleihe müssen noch nicht die Untergrenze sein." Schwilling sprach damit aus, wovon eigentlich alle überzeugt waren: Die Aussichten für weitere Zinssenkungen schienen ausgesprochen günstig.

Doch schon wenige Wochen später sieht dieses Bild gar nicht mehr so freundlich aus. Am deutschen Kapitalmarkt sind die Renditen nicht weiter gesunken, sondern im Gegenteil recht deutlich gestiegen. Selbst der Bund, eine erstklassige Adresse am Markt, ist gezwungen, die Konditionen seiner Wertpapiere zu verbessern. Bei den Bundesobligationen, das sind vom Bund herausgegebene Wertpapiere mit fünfjähriger Laufzeit, wurde beispielsweise der Ausgabekurs von bisher 100,80 Prozent auf 99,60 Prozent zurückgenommen. Dadurch steigt, bei unverändertem Nominalzins von 6,25 Prozent, die Rendite von 6,06 Prozent auf 6,35 Prozent.

Die durchschnittliche Rendite aller öffentlichen börsennotierten Wertpapiere ist von Mitte September bis heute um über einen Viertel Prozentpunkt auf gut 6,5 Prozent gestiegen. Von der erwarteten Zinssenkung also keine Spur, einige Hypothekenbanken gehen vielmehr schon daran, die Zinsen für Baudarlehen wieder heraufzusetzen.

Gegen den Strom scheint zur Zeit nur die größte deutsche Sparkasse, die Hamburger Sparkasse (Haspa), zu schwimmen. Sie kündigte an, mit Beginn des nächsten Jahres den Zinssatz für bestehende Hypotheken um einen halben Punkt auf sieben Prozent zurückzunehmen. Genau wie zuvor schon bei anderen deutschen Kreditinstituten wurden allerdings auch die Sparzinsen gesenkt. Das Sparbuch mit gesetzlicher Kündigungsfrist bringt jetzt noch magere 2,5 Prozent Zinsen im Jahr, die Sätze für andere Spareinlagen wurden im Schnitt um ebenfalls einen halben Punkt erniedrigt.

Wie paßt das zusammen, Zinssteigerungen am Kapitalmarkt einerseits, Zinssenkungen bei Hypotheken und Spareinlagen andererseits? Aus konjunktureller Sicht ist der Zinsanstieg am Kapitalmarkt jedenfalls absurd. Er paßt nicht in die ökonomische Landschaft, und es gibt dafür weit und breit keine wirtschaftspolitische Notwendigkeit. Bernhard Schramm, oberster Sprecher der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken sieht in der jüngsten Zinsentwicklung denn auch keinen Anlaß zur Besorgnis: "Die vereinzelten Zinssteigerungen in den letzten Tagen sollten nicht dramatisiert werden. Gewisse Schaukelbewegungen des Zinses, zumal wenn es sich nur um wenige zehntel Prozentpunkte handelt, werden keine negativen Auswirkungen auf die Konjunktur haben." Für ihn ist viel wichtiger, daß die Zinsen jetzt immerhin um rund einen Prozentpunkt unter dem Vorjahresniveau liegen. Gleicher Meinung ist auch Haspa-Chef Peter Mählmann, der betont, daß die in seinem Haus beschlossene Zinssenkung keine spontane Entscheidung gewesen sei. "Ich glaube, daß der Zinstrend grundsätzlich weiter nach unten gerichtet ist. Alle Rahmenbedingungen sprechen dafür, daß wir es im Moment mit einem Zinsbuckel zu tun haben, der bald wieder verschwinden wird."

Wenn sich Schramm und Mählmann da nur nicht irren. Es gibt zumindest Anzeichen dafür, daß aus dem erhofften weiteren Zinsabstieg in der nächsten Zeit nichts werden könnte. Ausgelöst wurden die Zinssteigerungen am deutschen Kapitalmarkt durch ausländische Investoren. Sie warfen ihre zuvor an deutschen Börsen gekauften Anleihen, Obligationen und Pfandbriefe auf den Markt. Die Folge: Die Kurse der börsennotierten Papiere kamen ins Rutschen, die Renditen stiegen.