Gegen den Einfluß der religiösen Bruderschaften ist auch der Präsident machtlos

Von Hille van Elst

Möchtest du noch eine Tasse Tee zum Durchhalten, Koumba?" fragt mich freundlich der Kollege vom senegalesischen Fernsehen. Es ist Nacht. Ich bin in Touba, der heiligen Stadt der islamischen Bruderschaft der Mouriden. "Koumba" heiße ich seit gestern. Meine Begleiter meinten, wenn ich weder schwarz noch Muselmanin sei, dann sollte ich mir doch wenigstens einen senegalesischen Namen zulegen: Touba verpflichtet. Die Namensänderung war natürlich nur ein Scherz, die Kleidervorschriften indessen waren es nicht. Ohne ein langes wallendes Gewand und ein großes, zum Turban getürmtes Kopftuch hätten mich die Fernsehleute erst gar nicht mitgenommen auf den "Großen Magal", die alljährliche Pilgerfahrt ins Mekka des senegalesischen Islam.

Wenn die Mouriden den Jahrestag der Verbannung ihres Religionsstifters Amadou Bamba ins gabunische Exil begehen – "Magal" heißt Gedächtnisfeier –, dann sind im Senegal aller Augen auf Touba gerichtet: die der Moslems, das sind zwischen 85 und 90 Prozent der senegalesischen Bevölkerung, aber auch die der Christen und Animisten im Lande. Niemand kann sich dem Sog entziehen. Schon Wochen vorher berichtet die Presse fast täglich über den Stand der Vorbereitungen für das große Ereignis. Die Wasserversorverteilt werden für die Hunderttausende frommer Mouriden, die für zwei Tage nach Touba pilgern, eine Kleinstadt in der staubigen und heißen Savanne, gegründet 1886 von dem islamischen Mystiker Amadou Bamba, auf eine, wie die Legende sagt, himmlische Eingebung hin.

Die Fernseh-Equipe ist im Hof des Palastes eines der "Grand Marabouts" untergebracht, die von Touba aus die Geschicke der Glaubensgemeinschaft der Mouriden lenken. Mitten auf einem riesigen Platz liegt die große Moschee, das Heiligtum der Mouriden mit dem Bamba-Mausoleum. An Schlaf ist trotz vorgerückter Stunde nicht zu denken. Aus Lautsprechern dröhnen unablässig Koran-Verse und Bamba-Zitate. Eine schier endlose Menschenmenge, im Scheinwerferlicht geduldig Gebete murmelnd, begehrt Einlaß in die Moschee. Ganze Familienverbände hocken bewegungslos im nächtlich kühlen Sand. Ein weithin sichtbares Schild belehrt: "Verkauf und Konsum von Alkohol und Zigaretten sind untersagt." Daran halten sich erwiesenermaßen längst nicht alle Touba-Pilger. Aber Vorsicht ist geboten. Wer erwischt wird, bekommt es mit den Baye-Fall zu tun, jenen zwar pittoresk in buntes Patchwork-Tuch gewandeten, doch unmißverständlich mit handfesten Knüppeln ausgerüsteten Milizen, die streng über islamische Sitte und Ordnung wachen.

Dank der Marabouts

In der Hauptstadt Dakar gehören die Baye-Fall – Adepten des Bamba-Schülers Ibra Fall – zum Straßenbild. Sie ziehen dort in Gruppen singend und betend einher und betteln für ihren Marabout.