Reagan lenkte ein, und Craxi bildet eine neue Regierung

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Mit Staunen betrachtet Italien in diesen Tagen, wie sich Ronald Reagan bemüht, einem Freund auf die Beine zu helfen, dessen Sturz er gerade erst selbst gefördert hatte: Bettino Craxi. Der italienische Regierungschef, vom amerikanischen Großen Bruder des ungehörigen Betragens im Achille Lauro-Drama bezichtigt, vom republikanischen Koalitionspartner verlassen, doch sogar von der kommunistischen Opposition belobigt, erklärte vorige Woche seinen Rücktritt. Demonstrativ verzichtete er auf die Reise nach New York zur großen Bündnisberatung. Doch es genügte ein Brief aus dem Weißen Haus an den "lieben Bettino", um Craxi wieder reisewillig zu stimmen und der Regierungskrise in Rom jene Aussicht zu verschaffen, die in Italien allemal nicht die schlechteste ist: die alte Regierung als neue.

Dazu gehört diesmal freilich auch bisher selten erprobtes Selbstgefühl. Nicht die Regierung in Rom hat nach Tagen gegenseitiger Vorwürfe eingelenkt, sondern in Washington entschloß man sich offenkundig zum Szenenwechsel. Viele große Akteure habe er in seinem Leben gesehen, rief der alte Frank Sinatra vergangenes Wochenende Ronald Reagan zu, der wider Erwarten zu einem italo-amerikanischen Versöhnungsball im "Hilton" der Hauptstadt erschien – "aber den schönsten Auftritt habe ich von Ihnen, Herr Präsident, erlebt, als Sie auf das Verlangen, die amerikanische Regierung solle sich entschuldigen, mit ,niemals‘ antworteten". Ganz rückte Reagan von dieser Pose auch im Brief an Craxi nicht ab, doch er beteuerte jetzt, trotz der "offenherzig und freundschaftlich" ausgetragenen Differenzen habe er an Italiens "Festigkeit gegenüber dem internationalen Terrorismus ,niemals‘ gezweifelt".

Wirklich? In Rom hatte der Präsident tagelang jedenfalls den gegenteiligen Eindruck erweckt und zugleich eine Welle nationaler Gefühle erzeugt, die selbst bei den unerschütterlichsten Amerikafreunden vergessene Komplexe aufrührten: Schließlich sei die Apennin-Halbinsel eben nur die "Provinz eines Imperiums" – zum Glück nicht des sowjetischen; man habe ohnehin stets geahnt, daß Italien das "Bulgarien des Westens" sei – aber wozu dies so unfein ins Bewußtsein bringen? Sogar vor grotesken Vergleichen schreckte man nicht zurück: Auch Hitler habe 1939 seinen Verbündeten Mussolini erst im letzten Augenblick vom Angriffsbeginn informiert...

Möchtegern-Duce mit Format