Hurra, Hurra! Christa Reinigs Gedichte sind alle da! möchte ich am liebsten ausrufen, wenn es nicht so unschicklich wäre, in burschikosen Lobpreis auszubrechen angesichts dieser wahrhaftigen, aufregenden, originären Dichterin, wie Horst Bienek sagt. Doch nun bin ich damit herausgeplatzt, die Wörter springen nicht mehr in meinen Mund zurück, und das ist gut so. Genau gesagt, Bienek schreibt im Vorwort zu dieser Ausgabe, die schon in der Eremiten-Presse erschien, Christa Reinig sei "damals, als ihre ersten beiden Bücher erschienen, neben Ingeborg Bachmann die wahrhaftigste, aufregendste, die originärste Dichterin" gewesen. Daß es bei dieser Vergangenheitsform nicht bleiben sollte, dafür trägt nun diese Taschenbuchausgabe bei.

Christa Reinigs Stärke ist die direkte Ansprache, und wie oft habe ich mich auf ihre unmittelbare Weise von ihr in Anspruch nehmen lassen! Schon als "Orion trat aus dem Haus" 1968 bei der Eremiten-Presse erschienen war, schlug ich in diesen neuen Beschreibungen der Sternbilder prompt bei dem meinen nach und fand Krebs und Hydra, wie sie sich gegenseitig ärgern. Hydra, von Krebs zum Essen eingeladen, konnte nur mit einem Kopf essen und mußte mit sechs Köpfen hungern; Krebs, von Hydra zum Tanz gebeten, kam nicht auf seine Kosten, weil die Damen sich nicht von ihm auf die Füße treten lassen wollten: Sie kappten sich Köpfe und Beine und rollen seitdem am Himmel hin.

Das gefiel mir, und jedesmal, wenn mich Christa Reinig so persönlich ansprach, vergnügte ich mich und fühlte zugleich den zarten Stachel der Verletzung, auch wenn es eine angenehme Verletzung war, die zuerst schmerzt, dann aber Lust erzeugt, wie wenn man plötzlich eine heftige Pein erleidet, doch im nächsten Augenblick schon – bei ihrem Nachlassen – die Erleichterung genießt. So kann man wiederlesen die streng gereimten frühen Natur- und Menschengedichte aus "Die Steine von Finisterre", "Der Henker", "Der alte Pirat", "Die Ballade vom blutigen Bomme" und das exotische Papantscha-Vielerlei mit dem schönen Yoga-Gedicht auf Günter Bruno Fuchs, das beginnt:

Einstmals in dem Monat Juno

Ging der Dichter Günter Bruno,

Ging die Beine sich vertreten

Oder in die Kirche beten.