West-Berlin

Stolze Briten haben sie kurzerhand zum Medienmarktführer des Planeten ernannt, und damit gelingt dieser 24jährigen Engländerin, was Johann Paul II. nicht als eiliger Vater und Boris Becker nicht mit viel Bumbum schafft. "Ohne Scham den Hokuspokus der Hoheit mit sich treiben zu lassen, dazu muß wohl eine dicke Haut gehören. Ich bin ein bißchen zart von Natur..." Eine offene Klage der Prinzessin Diana von Wales? Falsch. Nur das, was ein Bürger (Thomas Mann) eine fiktive "Königliche Hoheit" sprechen läßt.

Ob nun despektierlicher Hokuspokus oder ein respektierlicher acte de presence – es wurde einfach Zeit für Deutschland, daß Diana kam. Für 24 Stunden wußte Berlin sie in seinen Mauern; Gastgeber war ihr bislang einziges Leibregiment, das Erste Bataillon des Royal Hampshire Regiments. In ihrem Wappen führen sie starke Symbole – einen Tigerkopf und eine Rose. Die trägt Diana jetzt, mit Smaragden und Brillanten besetzt, als Brosche.

Aber der Reihe nach. Keine neue Schwangerschaft, kein Klatsch vom Hoffriseur, kein korrumpierendes Karat-Cadeau hatte im Vorfeld des "Photoereignisses ’85" die Spalten gefüllt und Gemüter beschäftigt. Um so ungeduldiger wartet Dianas Meute von Paparazzis und Pressbengeln, meist irgendwo hinter Gittern oder auf entfernten Tribünen im Zaum und auf Abstand gehalten. Das läßt sie knurren, weil sie nichts sehen, zuwenig hören oder Regenschirme die Perspektive stören.

Mit Dutzenden von Kameras, Feldstechern, Aufnahmegeräten, mit Richtmikrophonen und leichten Trittleitern sind sie für das Objekt ihrer Begierde gerüstet: Näher, Prinzessin, zu dir. Die Konkurrenz schläft nicht. Dialogfetzen zwischen Reporter und Photograph: "Na, da kennen wir kerne falsche Scham, Kollege. Wenn ich den besseren Standort habe, da wird getauscht, da können Sie besser schießen, denn wir wollen unbedingt mit ihr auf die eins, klar?"

Klar. Alles interessiert an ihr, doch nichts Rechtes ist in Erfahrung zu bringen. Diana ist das Medium, doch was ist ihre Botschaft? "Ach", seufzt ein ratloser Korrespondent, "wenn ich sie doch nur drei Minuten allein sprechen könnte." .

Wo kämen wir da hin? Hoheits Dienstplan wird schließlich von militärischer Akkuratesse diktiert. 13 Uhr 15: Die Prinzessin trifft auf dem Militärflughafen Gatow ein. 13 Uhr 45: Vor dem Charlottenburger Schloß steigt Ihre Königliche Hoheit aus dem Daimler des britischen Stadtkommandanten und wird vom Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen begrüßt. Ohne Handkuß. Statt dessen überreicht er ihr oben im Festsaal als Dank für ihr Autogramm einen braungoldenen KPM-Teller. "O Gott", stöhnt einer der Anwesenden, "ein Edelweiß." In ihrem Stolz getroffene Berliner sind versöhnt, als Diepgen draußen im Nieselregen seinem Gast das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten erklärt. Hört sie zu? Horsy wie Prinzessin Anne soll sie ja nicht sein, und außerdem stellt in diesem Moment das bucklige Pflaster die allerhöchsten Ansprüche an die verlangte Grazilität. Da, flehende Rufe erreichen sie: "Diana, Di, Diana!" Händedrücken, Fähnchen schwingen, Sträuße fliegen, Kinder plärren – so soll es sein, immer wieder, gestern schon: "Unvergeßlich ihr Einzug! Sie war geliebt, als ihr erstes Lächeln über das schauende Volk hinwegflog." Und Royal dazzler Di, im schwarz-cyclamfarbenen Ensemble mit flachem Tellerhut, liefert das gewünschte Bild. "Heute ist es ziemlich naß. Oh, Sie haben aber eine kalte Hand. Woher kommen Sie?" Gut gedrillt, Di. Es fehlt eben – und das dürfte auch ihre Wirkung ausmachen – die geschliffene Routine der Repräsentation. Wo andere aus der königlichen "Firma" ihr Pensum mit verinnerlichter Distanz absolvieren, passiert es Diana noch, daß sie schon mal einen Schritt zu weit geht.