Von Dorothea Hilgenberg

Vielleicht ließ der Papst die Post für den Pfalzgrafen unter seinen Akten verstauben, bevor er sie abschickte. Vielleicht war auch der lange Dienstweg über die Alpen schuld. Schon am 23. Oktober 1385 hatte Urban IV. die Stiftungsbulle unterzeichnet, doch bis Ruprecht I. seine Heidelberger Universität eröffnete, verging fast ein Jahr. Ein Gründungsjahr, das den jetzigen Universitäts- und Landesherrn ein "natürlicher" Anlaß ist, die älteste deutsche Hochschule (nur die deutschsprachigen Metropolen Prag und Wien waren damals schneller) ein ganzes Jahr hochleben zu lassen.

Nicht, um zum 600. Jubiläum das Alte zu beschwören. Die computerbeherrschte Neuzeit ist es vielmehr, auf die man sich und die Gäste aus aller Welt einstimmen will. Schloßruine, Heiliggeistkirche, Alte Brücke, Alte Uni, die kleinen Palais und quirligen Gäßchen, Burschenherrlichkeit und verklärte Erinnerungen sind allenfalls das ehrwürdige Ambiente, mit dem man die klügsten Köpfe und Vertreter möglichst zukunftsträchtiger Fächer an den Neckar zu holen gedenkt.

In das neue Wissenschaftsforum zum Beispiel, das in eigens dafür restaurierten Prachtvillen des frühen 18. und 20. Jahrhunderts Forscher zum Fachsimpeln zusammenführen soll. Oder als Wissenschaftler in eine der beiden gentechnischen Einrichtungen, das Europäische Laboratorium für Molekulare Biologie und das Zentrum für Molekulare Biologie der Universität, das demnächst in sein neues Gebäude nahe dem Krebsforschungszentrum auf dem Neuenheimer Feld ziehen wird. Von dort schauen die hofierten Naturwissenschaften in ihren Betonburgen auf den entfernt liegenden alten Campus der Geisteswissenschaften herab.

Doch auch für sie, die mit Fug und Recht von sich behaupten können, mit der Philosophie, Theologie und der Juristerei den Ruhm der späteren Ruprecht-Karls-Universität, der Ruperto Carola, begründet zu haben, brechen bald neue Zeiten an – auch wenn der Rektor der Alma mater, der aus brandenburgischem Adel stammende und auf Baden-Württembergs high-technische Moderne eingeschworene Physik-Professor Gisbert Freiherr zu Putlitz, seinen Ordinarien etwas vorauszueilen scheint. Zu Putlitz wünscht sich nämlich auch unter den Geisteswissenschaftlern rechnerselige "Profis", die ihre "Uraltinstrumente" Bleistift und Papier beiseite legen, um auf den Computer umzusteigen.

Abacus (Arbeitsplatzcomputer an der Universität Heidelberg) heißt das Jubiläums- und sein Traumproiekt, das alle Fächer den Neckar hin- und herüber "vernetzen" soll. Mag sich manch Buchwissenschaftler noch sperren und auch die Finanzfrage der arbeitsplatztechnischen Revolution längst nicht geklärt sein, irgendwann sitzen alle vor ihrem Bildschirm. Die Jubiläumsausgabe des Unispiegel läßt keinen Zweifel daran: "Von der Pathologie bis zur Theologie, von der Kardiologie bis zu den Altertumswissenschaften ist der Einzug der EDV angesagt."

Wen hier die Sehnsucht nach Gedrucktem überkommt, der kann sich jedoch bald freuen – weniger über den unterirdischen Ausbau der Universitätsbibliothek als über eine bibliographische Sensation, die wie weiland die Stiftungsbulle aus Rom kommt. Ein Teil der 1623 von Tillys Leuten in den Vatikan verschleppten Pfälzer Landesbibliothek (Bibliotheka Palatina) kehrt leihweise zurück und wird auf ihrem angestammten Platz, den Emporen der Heiliggeistkirche, der Öffentlichkeit gezeigt. Selbst zur Staufer-Ausstellung in Stuttgart durfte kein Buch der Palatina ausreisen, weder das Falkenbuch Friedrichs II. noch das Evangeliar, das Ottheinrich im 16. Jahrhundert dem Lorscher Kloster entwendet hatte. Schätze seien das, so raunen die Experten, die stellen noch das Evangeliar von Heinrich dem Löwen in den Schatten. Der frühere Bibliotheksleiter im Vatikan, Stickler, ein Österreicher mit Sinn für völkerverbindende Kooperation, machte es möglich und ließ den deutschen Universitäts-Kollegen einige Leihgaben aussuchen – Stücke, die den Heidelbergern vor Aufregung die Hände zittern ließen.