Die Versuche, das Weltwährungssystem zu reformieren, kamen bisher stets zu spät

Von Rudolf Herlt

Ob Bankier, Industrieller, Exporteur, Importeur oder Wirtschaftspolitiker – niemand ist mit dem gegenwärtigen Weltwährungssystem wirklich zufrieden. Und dennoch stockte den Versammelten der Atem, als Otmar Emminger, der frühere Bundesbankpräsident, kurz und bündig feststellte, die Amerikaner hätten die Notwendigkeit von wirtschaftspolitischen Korrekturmaßnahmen zur Senkung des Dollarkurses erst eingesehen, als das Kind schon im Brunnen lag – zu spät also.

Eingeladen hatte das Frankfurter Institut für Bankhistorische Forschung zu einem Symposium über das Thema "Vom Goldstandard zum Multi-Währungsstandard", das zwangsläufig vom Historischen zum Aktuellen führte. Emminger hat in der Diskussion den Faden aufgenommen, den Günther Schleiminger, der frühere Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, mit historisch-politischem Gespür gesponnen hatte. Er machte auf die zwei großen Mängel des gegenwärtigen Systems aufmerksam: auf die kurzfristigen Ausschläge der Wechselkurse und auf die starken mittelfristigen Verzerrungen.

Mit den Schwankungen der Wechselkurse von Tag zu Tag kann die Industrie leben, darüber gab es rasch Einigkeit. Auf den Devisenmärkten gibt es genügend Möglichkeiten, die Risiken solcher Schwankungen durch Devisentermingeschäfte abzusichern. Auch die Kosten, die dadurch entstehen, sind zu verkraften. Ernste Schwierigkeiten machen dagegen die starken Verzerrungen der Wechselkurse auf mittlere Sicht.

Wenn nämlich eine Währung ganz aus dem Ruder läuft, wie das die Welt seit 1980 beim Dollar erlebt, kommt es zu protektionistischen Forderungen, denen gegenüber die Regierungen meist hilflos sind. Die Amerikaner haben erst angesichts der steigenden Flut von Anträgen auf Schutz gegen Einfuhren, in der der Kongreß förmlich ertrinkt, kapituliert und einen grundlegenden Positionswandel für nötig gehalten. Sie haben am 22. September beim Treffen der fünf wichtigsten Industriestaaten in New York ausdrücklich zu Protokoll gegeben, daß der Dollarkus zu hoch sei und daher gesenkt werden müsse.

An diesem Punkt setzte Emminger an und fragte: "Haben wir das nicht schon vor einem Jahr gewußt?" Wie alle sachkundigen Beobachter zweifelt auch er, ob die Amerikaner wirklich in die Tat umsetzten werden, was sie in New York versprochen haben, nämlich eine drastische Kürzung ihres Haushaltsdefizits, damit Zinsen und Dollarkurs sinken und die Welt das gründlich gestörte außenwirtschaftliche Gleichgewicht wiederfindet. Sollte der Zeitpunkt dafür schon verpaßt sein, so lautet Emmingers unheilträchtige Schlußfolgerung, dann wird sich herausstellen, daß es mit Hilfe des Währungssystems zwar gelungen ist, den freien Kapitalverkehr aufrechtzuerhalten, die Freiheit des Verkehrs mit Waren und Dienstleistungen aber geopfert werden mußte. Denn gegen die protektionistische Welle aus dem amerikanischen Kongreß wäre dann kein Kraut mehr gewachsen. Solche Aussichten machen die nie verstummenden Wünsche nach einer Reform des Weltwährungssystems verständlich. Vor allem die Franzosen sind nicht müde geworden, eine Währungskonferenz auf höchster Ebene zu fordern, auf der die Möglichkeiten einer Rückkehr zum System der festen Wechselkurse besprochen werden sollten. Schon in Mai 1983 haben sie auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg durchgesetzt, daß die Finanzminister der zehn wichtigsten Industrieländer und der Schweiz beauftragt. wurden, gemeinsam mit dem Geschäftsführenden Direktor des Weltwährungsfonds die Bedingungen für eine Verbesserung des Währungssystems zu definieren und zu überlegen, welche Rolle dabei eine Währungskonferenz nach dem Muster der Veranstaltung im Städtchen Bretton Woods im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire gegen Ende des Zweiten Weltkrieges spielen könnte.