ARD, Sonntag, 27. Oktober, 22.50 Uhr; Dienstag, 29. Oktober, 23.00 Uhr: Herausforderung Islam", ein Film in zwei Teilen von Werner Ende und Andreas Jacobsen

Yvonne Fletcher, eine Londoner Polizistin, wird 1984 von Schüssen auf dem "Volksbüro", der lybischen Botschaft am St. James Square, tödlich getroffen. In Tripolis bereitet Muammar al-Gaddhafi westlichen Musikinstrumenten ein Autodafé – Herausforderung Islam? Vor der persischen Moschee an der Hamburger Außenalster sagt ein Herr in Pelzmütze im norddeutschen Tonfall, wegen der Ethik des Islams sei er Muslim geworden; in einem Pariser Café gibt Roger Garaudy, Chefideologe der französischen Kommunisten, heute ebenfalls zum Islam konvertiert, seine Zweifel zu Protokoll, ob irgendwo in der Welt eine islamische Gesellschaft schon verwirklicht sei. Anwar el Sadat fällt unter den Schüssen religiöser Fanatiker; im saudischen Dschidda entsteht ein hochluxuriöser Universitäts-Campus und ein modernes Klinikum – Männer und Frauen aber bleiben streng von einander getrennt; den Wartesaal für Frauen durften die Kameraleute aus dem Abendland nicht filmen. Sie taten es heimlich.

Berauschende und erschreckende Bilder aus dem Orient. Für die neunzig Minuten des Films drehten Aufnahmeteams im Iran, dem Land der grausamen Revolution Chomeinis, in Saudiarabien, einem schwerreichen Staat, der sich als Festung des religiösen und sozialen Hochkonservativismus versteht, schließlich in Ägypten, dem Kernland der islamischen Ökumene, dessen weltliche Führung zwischen Beschwichtigung und Bekämpfung der religiösen Fanatiker schwankt.

Jdes dieser Länder hätte einen eigenen von eineinhalb Stunden verdient. Der Orientalist Werner Ende und der Fernsehmacher Andreas Jacobsen laden uns aber auf einen fliegenden Teppich ein, der immer wieder, viel zu schnell aus dem einen Land abhebt, um ins ins nächste oder übernächste zu entführen. So entsteht vor unseren Augen ein kompliziertes, etwas verwirrendes Bild, zumal die Autoren sich mit dem Produkt der eigenen Dreharbeiten nicht zufriedengaben: So sehen wir den Mufti im sowjetischen Taschkent den Perser Chomeini tadeln (ein Fund aus dem Fernseharchiv), in Westafrika versinken vor unseren Augen weißgekleidete Schwarze zum Gebet vor der Moschee, und im Garten seines Instituts zu Triest beklagt der bislang einzige muslimische Nobelpreisträger der Physik, ein Pakistani, die unzureichende Wissenschaftsfreiheit in den islamischen Ländern. An der Themse, in London, erzählt ein Exilpolitiker aus dem Sudan, daß der islamische Fundamentalismus in seiner Heimat die Christen zu Birgern zweiter Klasse mache, und der Konvertit Yussuf Islam – einst unter dem Namen Cat Stevens ein Star der Popmusik – antwortet auf die Frage, ob er sich eher als Muslim oder als Brite fühlte: "Meine Loyalität gehört meinem Schöpfer."

Keine neuen Töne für Europa: "Christianus sum" antworteten die frühen Christen vor den römischen Tribunalen, wenn sie nach Herkunft und Volkszugehörigkeit gefragt wurden. Der lehrreiche Vergleich zwischen christlicher und islamischer Religion und Geschichte fehlt dem Film jedoch. Geschichten ersetzen die Historie, Statements ersetzen Analysen. Ein einziges Mal vergleichen die Autoren das christliche Europa mit dem islamischen Orient: Zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem revolutionär-schiitischen Iran drohe eine Auseinandersetzung nach dem Muster des Dreißigjährigen Krieges. Was aber die beiden islamischen Konzeptionen trennt, erfahren wir nicht. Wir erfahren aber im Grunde auch nicht, was die islamische Religion eigentlich ausmacht und was ihr heute neue Dynamik verleiht. Und die Muslime in Deutschland – mehr als eine Million Menschen, Herausforderung des Islams in unserer Mitte – müssen sich wiedererkennen in dem Hamburger Herrn mit der Pelzmütze und in einer Bauchtänzerin auf einem Videogerät im Fenster einer Kneipe, offenbar im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Stellen wir uns den "reziproken" Film im ägyptischen Fernsehen vor: Amerikanische Kriegsschiffe bombardieren den Libanon; der Papst segnet Rom und die Welt; Nordiren bringen einander um; deutsche evangelische Pfarrer demonstrieren gegen Kernkraftwerke und katholische Bischöfe gegen die Abtreibung; ein Photomodell posiert für das Titelbild einer Illustrierten, und ein Missionar betet mit Kindern im schwarzen Afrika – würden die Muslime von solch einem Film klüger über jene christliche Herausforderung, die in Gestalt einer technisch und politisch überlegenen Zivilisation die islamischen Länder seit mehr als einem Jahrhundert herausfordert? Hans Jakob Ginsburg