Von Johannes Grotzky

Moskau, im Oktober

Das Feuer umzingelt den Fahnenmast und ergreift das Sternenbanner, das in wenigen Sekunden von leuchtenden Flammen vernichtet wird. Die Menge, in der Überzahl Jugendliche, johlt. Mit wütendem Gesichtsausdruck und zornbebender Stimme tritt Präsident Mubarak vor seine Landsleute. Was er sagt, ist nicht mehr genau zu verstehen. Darüber liegt die Stimme des sowjetischen Nachrichtensprechers. Der Szene aus Kairo folgen kritische Urteile über Amerika – aus westlichen Zeitungen. Selbst die Nato-Verbündeten, so erfahren die Sowjetbürger aus ihren Medien, verurteilen die Entführung der ägyptischen Verkehrsmaschine durch amerikanische Jagdflugzeuge.

Doch die scharfen Anklagen gegen Washington erfolgen zumeist nur indirekt – durch Zitate aus dem Ausland. Mit eigenen Kommentaren hielt sich Moskau erstaunlich zurück. Zwar meldete die Nachrichtenagentur Tass den Luftzwischenfall, bescheinigte jedoch zugleich, daß "Zorn und Empörung der Amerikaner über die von den Entführern auf dem Schiff Achille Laura begangenen Greueltaten verständlich und gerecht" seien. Statt selbst zu kritisieren, nutzte die Sowjetunion die Gelegenheit, um in eigener Sache zu sprechen.

Wenn sich Amerika gerechterweise gegen den Terrorismus wehre, dann möge Washington doch auch jene sowjetischen Flugzeugentführer ausliefern, die in den USA Asyl gefunden hätten. Gemeint sind damit Vater und Sohn Brazinskas, zwei frühere Sowjetbürger, die vor 15 Jahren eine Aeroflot-Maschine in die Türkei entführten, dabei eine Stewardeß töteten und die beiden Piloten verletzten.

Die sowjetischen Medien gaben ihre Zurückhaltung gegenüber den Amerikanern erst auf, als Libyens Revolutionsführer Ghaddafi bei seinem Moskau-Besuch vorpreschte und das Luftmanöver als "unverfrorene Aktion" bezeichnete, die vom UN-Sicherheitsrat verurteilt werden müsse. Am gleichen Tag verbreitete Tass eine moderate Verurteilung der vereinigten Staaten, die später für das gemeinsame sowjetisch-libysche Kommuniqué übernommen wurde. Gewichtiger war allerdings, daß dieses Kommuniqué – im Gegensatz zu den libyschen Interessen – die Notwendigkeit herausstellte, mit allen nationalen Kräften des Libanon zu einer friedlichen Regelung zu kommen. Die nationalen Rechte der Palästinenser wurden zwar anerkannt, aber die Gründung eines eigenen Staates stand als letzter Punkt im Kommuniqué.

Diese Zeichen der Zurückhaltung passen zum Bemühen des Kreml, sich als Friedensstifter im Nahen Osten zu empfehlen. Es wirkte zwar störend, daß Ghaddafi in der sowjetischen Hauptstadt offensichtlich davon sprach, eine Friedensregelung sei undenkbar, solange Israel existiere. Doch dem stehen nicht nur der von Moskau vorgelegte Plan einer Friedensverhandlung unter Einschluß aller beteiligten Staaten – also auch Israels – entgegen, sondern auch die jüngsten Äußerungen Gorbatschows in Paris. Dort hatte der Parteichef Israel neben dem Recht auf seine Existenz ausdrücklich das Recht auf Sicherheit zugebilligt.