Glücklich die Stadt, die ein Theater hat. Glücklicher die Stadt, die zwei Theater hat. Am glücklichsten die Stadt, deren Theater auch alle erfolgreich sind. Wir reden, ganz klar, von Deutschlands neuer Theater-Hauptstadt, der Freien und Hanse; vom spektakulären, strapaziösen Anfang der neuen Intendanten Jürgen Flimm und Peter Hanse; von nicht weniger als sieben Premieren.

Eine aufregende Reise, mindestens vier Jahre lang, hatte uns Peter Zadek bei seiner Inthronisation (Dezember 1984) versprochen. Und Jahre hörten die Versprechungen gar nicht mehr auf – in einer beispiellosen Werbekampagne, quer durch alle Buntmagazine der Nation, erklärte der neue Intendant das ganze gegenwärtige deutsche durch ter zur Leiche und sich selber zum Wiedererwecker.

Jürgen Flimm hatte viel weniger versprochen als Zadek; seinem Thalia Theater, hatte er demütig-listig erklärt, bleibe neben Zadeks Theater wohl nur die zweite Rolle, die des konservativen Literaturtheaters.

Beide Häuser fingen dann genauso an, wie sie es versprochen hatten: das Thalia klassisch (mit "Peer Gynt", "Ödipus" und "Faust"), das Schauspielhaus (nach Zadeks "Herzogin von Malfi") entschlossen zeitgenössisch, mit dem aktuellsten Programm, das sich denken läßt: mit einem Spionagedrama von Hugh Whitemore ("Ein Haufen Lügen"), und einer Guru-Satire von Andrew Carr: "Sofortige Erleuchtung incl. Mwst."

Das Resultat des edlen Wettstreits ist paradox: Zeitgenössisches Theater gab es ein einziges Mal, bei Jürgen Goschs Inszenierung des "Ödipus". Daneben, danach sah Zadeks aktuelles Theater Daneben, alt aus. Und das, obwohl ihm die Theater schichte scheinbar zu Hilfe geeilt war, mit einer Affäre Tiedge, einem Fall Bhagwan, was der Spielplanpolitik des Schauspielhauses geradezu prophetische Züge zu geben schien.

Ein Schein, der wieder mal trog. Denn das alte Kriminalstück vom König Ödipus distanzierte, ja blamierte seine zeitgenössischen Nachfahren. Und das hat, seine wird es nicht gern hören, etwas mit Kunst zu tun.

Jürgen Gosch und sein Bühnenbildner Axel Manfrey haben im "Ödipus" historische und gegenwärtige Formen kühn gemischt: Die Schauspieler agieren mit Maske und Kothurn, aber die Masken sind nicht klassisch-fein, sondern grobe, grelle Karnevalsmasken. Der große, der geniale Ulrich Wildgruber spielt den Ödipus. Des Regisseurs analytische Strenge und Wildgrubers Wüstheit verbinden sich auf verblüffend selbstverständliche Weise. Man hört eine der ältesten Geschichten des Theaters (schon wieder, denkt man schläfrig) und hört sie plötzlich, atemlos, zum erstenmal.