Ins Massif Central reisen nur wenige Touristen

Das Dutzend Kühe trottet gemächlich über die alte, oft ausgebesserte Hauptstraße des kleinen Auvergnedorfes. Die Tiere nehmen keinerlei Notiz, weder von uns beiden Fremden vor dem Café noch von unserem am Straßenrand geparkten, hochbepackten Motorrad. Nur den Patron des Cafés scheint es zu stören, daß die Vierbeiner direkt vor der Nase seiner weiten Kundschaft vorbeiziehen. Als dann eine der Kühe in regelmäßigen Abständen auch noch einige dampfende Fladen auf dem maroden Straßenbelag hinterläßt, schimpft er lauthals mit dem Bauern. Der entgegnet gelassen, ohne seine halb abgebrannte Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen, daß sich der Patron nicht so echauffieren solle, schließlich sei er ja öfter Gast bei ihm als irgendwelche Urlauber.

Mit dieser Bemerkung dürfte er wohl gar nicht so unrecht haben, denn das Massif Central, in der Mitte Frankreichs gelegen, ist eine vom Tourismus kaum berührte Region, wenn man einmal von einigen speziellen Anziehungspunkten wie Le Puy oder den Monts-Dômes absieht.

Die Auvergne, der nördliche Teil des Zentralmassivs, ist größtenteils geprägt durch vulkanische Landschaftsformen. In der Kette der Puys und in den Monts-Dores südwestlich von Clermont-Ferrand erheben sich die Überreste der alten Vulkane um mehrere hundert Meter über die sie umgebende 900 bis 1000 Meter hohe Plateaulandschaft.

Der höchste Gipfel des Massif Central ist der Puy-de-Sancy (1886 Meter) in den Monts-Dores, eine der größten Attraktionen des Zentralmassivs. Aber auch hier trifft man fast nur auf französische Urlauber, die sich allerdings in Scharen mit der Seilbahn zur Bergstation bringen lassen, um von dort die letzten Höhenmeter zum Gipfel zu Fuß zurückzulegen. Absperrzäune sollen hier oben helfen, die fortschreitende Erosion des Gesteins zu verhindern. Nicht ganz unschuldig daran sind die Wintersportler. Gerade in den letzten Jahren hat man Anstrengungen unternommen, die Auvergne zu einer Wintersportregion zu machen. Aus dem Boden gestampfte Orte wie Chastreix-Sancy oder Super-Besse im Sancy-Massiv sind Zeugnisse dafür.

In den Tälern eröffnen sich in jeder Mulde neue Anblicke. Die von großen, alten Eichen umgebenen Gehöfte liegen verstreut in den Wiesen. Die Häuser sind aus massiven, hellgrauen Granitblöcken gebaut, die Dächer mit grauen Steinplatten gedeckt. In höheren Lagen werden die Steinplatten jedoch mehr und mehr von rostigen Wellblechdächern verdrängt, die zwar billiger sind, den Häusern aber ihre strenge, spröde Schönheit rauben.

Flucht aus der Idylle