Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur hat die schwedische Akademie in diesem Jahr den bescheidensten, aber auch komplexesten unter den großen zeitgenössischen französischen Schriftstellern ausgezeichnet. Claude Simon, 1913 geboren, hat fünfzehn Romane geschrieben. Er ist ein Schriftsteller, den seine Leser nur schwer einordnen können. Neben Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor, Claude Hollier und Robert Pinget gehört er zu den Autoren der "Edition des Minuit" und zählt zu den Meistern des Nouveau Roman, was bedeutet, daß er sich zum literarischen Formalismus bekennt. In gewisser Hinsicht ist dieser Formalismus für ihn existentiell.

1937, als sich Simon in die internationalen Brigaden in Spanien einreihte, und 1940, bei der Niederlage der französischen Truppen, als er in Gefangenschaft geriet, machte Simon zwei Erfahrungen, die sein Schreiben für immer prägten. In seinem Buch "Le Palace" ("Der Palast", 1962) wird der spanische Bürgerkrieg in fragmentarischen Erinnerungen aufgearbeitet, in "La Route des Flandres" ("Die Straße in Flandern", 1960) finden wir die Niederlage von 1940 neben vielen anderen Erinnerungen und Bildern.

Für Simon geht es jedoch niemals darum, einfach eine persönliche Erfahrung oder einen Teil seines Lebens zu erzählen. Vielmehr versucht er, die Erinnerung an die Geschehnisse zu vermischen mit anderen Fragmenten der Erinnerung; die Linearität der Ereignisse zu zerstören, bis sich diese wieder zu neuen, unerwarteten Bildern zusammenfügen. Diese Methode entspricht präzise, und das ist kein Zufall, der politischen und menschlichen Situation in den Jahren zwischen 1937 und 1940, als so viele Überzeugungen umgestürzt wurden, die man vorher aus Gewohnheit akzeptiert hatte.

Simons Romane zeigen, wie ambivalent unser Wissen und unser Gedächtnis sind. So befaßt sich der Dichter, wie einst die Surrealisten, in "Le Vent. Tentative de reconstitution d’un retable baroque" ("Der Wind", 1957) mit der "kleinen Wirklichkeit", zu der wir Zugang haben. Was ist das, diese Wirklichkeit? Ist es der Versuch, in meinem Bewußtsein ein logisches System der Welt, der Existenz oder meiner selbst aufzustellen? Oder ist Wirklichkeit eher das, was sich diesem systematischen Zugriff entzieht, was mich mit den Bildern meiner Phantasie und meinem Wissensdurst allein läßt?

Die Welt, sagt Valéry, wird ständig von zwei Gefahren bedroht: von der Ordnung und von der Unordnung. Dieser Satz (Claude Simon stellte ihn seinem Buch "Der Wind" als Motto voran) bezeichnet genau den messerscharfen Grat, auf dem seine Texte balancieren. Ihre Aufgabe ist es, unsere Angst abzubauen, die uns immer zur Ordnung zwingen möchte, in unseren Empfindungen und Wahrnehmungen: die Ordnung der Logik, der Politik, der chronologischen Ereignisse. Claude Simon hat es oft wiederholt: Er erfindet nichts, er erzeugt beim Leser das Gefühl einer imaginären Welt. So überzeugt uns sein Romanwerk davon, daß seine Konstruktion realistisch ist, während das Wahrscheinliche im sogenannten "realistischen" Roman lügt.

Unvollständigkeit, Fragmentarismus, Simultaneität – das alles sind Techniken, die man im Buch "Der Wind" findet, ebenso in "Histoire" ("Geschichte", 1967), in "L’Herbe" ("Das Gras", 1958) und in "Triptyque" ("Triptychon", 1973). Es wäre falsch, in Simons Literatur eine philosophische These zu suchen. Die Literatur ist nur eine zerbrechliche Hoffnung: die Brüche der Realität zusammenfügen zu können, aus denen das Leben besteht.

Es gibt bei Simon eine beinahe verzweifelte, jedoch immer wieder aufgenommene Suche, einen radikalen Zweifel an der Kraft der Vernunft. Das Zusammenfügen der persönlichen Erinnerungen, der Familiengeschichte, der alltäglichen oder besonderen Ereignisse – all das ist Claude Simons Material. Das außergewöhnlich Neue seines Werkes jedoch besteht im romanhaften Aufbau der einzelnen Elemente, der wie eine Collage wirkt.