Von Wolfram Siebeck

In den Zeitungen war zu lesen, daß auf der Kölner Anuga (Allgemeine Nahrungs- und Genußmittel-Ausstellung) 5200 Firmen ihre Produkte ausstellten. Wenn jede Firma einen nur drei Meter langen Stand hat, habe ich ausgerechnet, dann sind das allein schon fast 16 Kilometer. Das hat mich entmutigt. Ich halte überflüssige Bewegung für schädlich, und überflüssig ist in meinen Augen das Herumstehen auf Partys, Vernissagen und Messen. Die Anuga ist eine Messe, weshalb mir gleich Henri IV. eingefallen ist, der es ja passenderweise auch noch mit den Suppenhühnern hatte. Ich bin dann doch hingefahren, weil mir die Kombination von Nahrungsmitteln und Genußmitteln, wie sie im Messekürzel versprochen wird, eine Reise wert schien.

Die gleiche Erwartung müssen auch viele junge Menschen gehabt haben; denn im Eingang der Kölner Messehallen lagerten sie zu Hunderten auf dem Fußboden, und wenn es vor den Messeständen Gedränge gab, dann nur, weil Pulks von Teenagern auf der Suche nach kostenlosen Proben durch vierzehn Hallen und doppelt so viele Stockwerke streiften. Es soll nicht wenige Aussteller gegeben haben, die deshalb schworen, die Anuga nicht mehr zu beschicken.

In Anbetracht der mageren Beute, die die Kinder machen konnten und hinsichtlich ihrer dabei bewiesenen sportlichen Leistung, scheint mir die Verärgerung der Aussteller etwas übertrieben. Die kostenlosen Proben waren wirklich nicht der Rede wert. Hier ein Bröckchen Käse, dort ein trockener Keks, eine Prise Popcorn bei den Amerikanern oder bunte Bonbons aus der Bundesrepublik – nein, zu verschenken hatten die Aussteller wenig.

Außerdem dürfte es mehr als schwierig sein, jene Dinge in kleine Probehäppchen zu zerlegen, die hauptsächlich ausgestellt wurden: Konserven und Fertiggerichte, tiefgefroren, mikrowellenfreundlich, lagerfähig, bunt und ganz eindeutig nicht in die Kategorie der Genußmittel fallend. Ich halte sogar ihre Zugehörigkeit zu den Nahrungsmitteln für zweifelhaft. Muß man das wirklich essen? Soll die Menschheit sich davon ernähren? Der äußere Schein spricht dafür. Es wäre sonst wohl nicht möglich, daß die panierten Putenschnitzel mit Paprikaringen aus Österreich in fast identischer Form auch in, sagen wir: Ecuador hergestellt werden. Oder in Südkorea oder in Island, Panama oder Neukaledonien. Es könnte in den vierzehn Hallen sonst nicht der Eindruck entstehen, daß die Menschheit, sofern sie nicht verhungert, sich überall das gleiche, konfektionierte Zeugs in den Mund stopft: bunt, lagerfähig, mikrowellenfreundlich und tiefgefroren.

Die heute fast jedem vertraute Erfahrung, daß man nach einem zehnstündigen Flug am Zielort das gleiche Gulasch mit Kartoffelpüree essen kann wie zu Hause, daß die gefüllte Paprika im Reisrand sich weltweit ausgebreitet hat wie eine Seuche – von Coca-Cola und den McDonald’s-Produkten ganz zu schweigen – diese Erfahrung und die weltweite Gleichförmigkeit der Supermärkte bewirken zwangsläufig ein unterschiedsloses Einerlei von Hammerfest bis Hongkong, das als eßbar angesehen wird. Auf einer Nahrungs- und Genußmittelmesse wie dieser wird ehrlicherweise nur von Food gesprochen.

Der angereiste Zeitschmecker, der an das Wort Genuß zu viele Erwartungen geknüpft hatte, muß erkennen, daß ein Gang über den Münchener Viktualienmarkt unendlich genußvoller ist, und daß auf den vergleichsweise wenigen Quadratmetern des KaDeWe in Berlin in Hülle und Fülle zu sehen ist, was hier in Köln völlig fehlt: die handverlesene Qualität gewisser Lebensmittel, ihre Variationsbreite und Frische, ihre feine Herkunft. Sogar die Franzosen, die sich bei solchen Gelegenheiten immer von ihrer besten, der berühmten Gourmet-Seite zeigen, präsentierten in Köln eher lustlos, was trotz des routinierten Marketings als Konfektion bezeichnet werden kann. In den Markthallen von Dijon, Lyon oder Avignon geht’s lustvoller zu.