Von Gitta Honegger

"Meine Intendanz in Washington bedeutet, daß ich Theater für jene Leute mache, die über die Welt entscheiden. Ich bin plötzlich in derselben Position wie Shakespeare und Molière. Es ist ein Hoftheater."

Peter Sellars

Es gibt ihn wieder: Den großen Jungen des amerikanischen Theaters. Peter Sellars ist knapp 27 Jahre alt und seit einem Jahr Intendant des American National Theatre in Washingtons Kennedy Center. Dort unterstehen ihm drei Schauspielbühnen: das 1100 Zuschauer fassende Eisenhower Theater, das kleinere Terrace Theater mit 513 Sitzen und eine Experimentierbühne über dem großen Opernhaus des Kennedy Centers.

Schon als Harvard-Student begann Seilars seine rasante Karriere als umstrittenes Regie-Wunderkind. Bald wurde er von Robert Brustein an dessen renommiertes American Repertory Theatre geholt, wo er mit einer am Mars und am Cape Canaveral spielenden Inszenierung von Händels "Orlando" Furore machte. Es folgte eine "Lear"-Produktion: für die Titelrolle holte er sich einen Stadtstreicher/Musiker, buchstäblich von der Straße weg, mußte die Rolle aber dann doch umbesetzen. Mit 24 Jahren verursachte er einen Skandal am Broadway mit seinem konstruktivistischen Konzept für das Gershwin-Musical "My One and Only" (Mit Tommy Tune und Twiggy in den Frea-Astaire/Ginger-Rogers-Rollen). Er wurde als Regisseur gefeuert, doch gleich darauf erhielt er den sogenannten "Genie-Preis" (über 100 000 Dollar), der jährlich von anonymen Preisrichtern an außergewöhnliche Künstler und Wissenschaftler verliehen wird. Am La Jolla Theater in der Nähe von Los Angeles verblüffte er als hochintelligenter Brecht-Interpret mit seiner Inszenierung der "Visionen der Simone Machard". Liviu Ciulei, der rumänische Regisseur und Intendant des Guthrie Theaters in Minneapolis, sah die Aufführung und holte Sellars sofort an sein Theater, das eines der führenden Schauspielhäuser des Landes ist. Ciulei hält Sellars für den besten amerikanischen Regisseur, "mit dem Temperament der sechziger Jahre und der ästhetischen Sensibilität der achtziger."

Sellars’ ungewöhnliche, viereinhalb Stunden lange Gorki-/Gershwin-Montage "Hang on to Me", eine amerikanisierte Version der "Sommergäste", verursachte beträchtliche Kontroversen im Verwaltungsausschuß des Guthrie Theaters und auch unter dem Abonnentenpublikum. Sie wurde – wie nun schon jede Sellars-Produktion – zur Theaterlegende.

Danach leitete Sellars ein Jahr lang die Boston Shakespeare Company, ein bis dahin kaum beachtetes, kleines Theater in einem tristen Bostoner Viertel, das während seiner kurzen Intendanz zu einer der aufregendsten Bühnen des Landes wurde. In einer einzigen Saison gab es eine ungekürzte Version der "Mutter Courage", mit der hervorragenden, zwergenhaften Darstellerin Linda Hunt, die amerikanische Uraufführung von Peter Maxwell Davies’ Oper "The Lighthouse", Shakespeares "Pericles", Gastspiele der Avantgarde-Ensembles Squat und Wooster Group, mitternächtliche, auf eine Stunde geraffte Shakespeare-Produktionen, außerdem Musik- und Filmserien sowie ein Kammertheaterprogramm.