Die Medien-Legende, die Sellars vorauseilt, löst zunächst eher Skepsis als seriöses professionelles Interesse aus. Zu seinen lautstärksten Feinden und Neidern gehören bezeichnenderweise jene Theaterleute, die seine Arbeit noch nie gesehen haben. Wieder mal ein amerikanisches Klischee, eine "typisch amerikanische" Märchenkarriere – so dachte auch ich, als ich seinen Aufstieg noch aus der Ferne verfolgte.

Sellars ist ungewöhnlich klein, faunartig, mit hochaufstehendem Strohhaar, lang fortrollendem Waldschratlachen: Er ist allerorts, so scheint’s, zur gleichen Zeit, aber immer "ganz da", ruhig, konzentriert, immer neugierig, wissenshungrig. Aber auch von einer herrlich unbefangenen Großmäuligkeit, ein großer Junge eben, der er wohl immer bleiben wird – schon jetzt entdeckt man in seinen Zügen die Alterslosigkeit des unerschrockenen Greises.

Vieles läßt sich seinen Inszenierungen vorwerfen: Sie sind zu lang, zu lose, zu undiszpliniert. "Ein Aspekt Amerikas", erklärt er mir, "ist der Exzeß: Overkill – too much – man kann’s gar nicht alles auf einmal aufnehmen. Und so versuche ich auch, meine Produktionen zu machen: Es ist einfach zu viel. Da kannst du gar nicht alles auf einmal sehen. Du bist erschöpft, du kannst gar nicht anders, du muß dich durch einen Teil der Vorstellung schlafen."

In unserer etwa dreistündigen Konversation, während eines – natürlich exzessiven – chinesischen Mittagessens ("Ich habe nur einmal am Tag Zeit zum essen") streift Sellars alle Epochen der abendländischen Theatergeschichte, östliche und westliche Dramaturgie, Filmtheorie, das Welttheater der Gegenwart. Er spricht von Aristoteles’ "Poetik" und Norman Rockwell, Plato und Hitchcock, Zeami und "Palm Beach Life", alles in einem Atemzug.

Er führt viele entscheidende Einflüsse auf seine Studienzeit in Harvard zurück. Dort wurde er in ein besonderes Programm ("special concentration") aufgenommen. "Das bedeutete, daß mein Professor und ich praktisch unser eigenes Institut bildeten. Ich konnte jeden Kurs an der Universität belegen. Also Raumanalyse am MIT (dem weltbekannten Massachusetts Institute of Technology), Cézanne-Aquarelle, elektronische Musik, Hitchcock und dramatische Theorie des 18. Jahrhunderts. An einem Tag, zum Beispiel, las ich Boileau mit Harry Levin, sah einen Griffith-Kurzfilm, dann Majakowski. Dazu die ganz starken Einflüsse der großen Harvard-Professoren: Ich erlebte noch das Ende der humanistischen Ära, ehe die Spezialisten alles übernahmen. Stell dir vor, in meinem zweiten Jahr hatte ich jede Woche eine persönliche Besprechung mit Harry Levin (dem bekannten Romanisten), der alles gelesen und sich auch alles gemerkt hat." Und da kommt auch schon wieder das glucksende Puck-Lachen.

"Ich ging nach Harvard, weil es dort keine Theaterschule gibt. So inszenierte ich meine 40 Stücke, und niemand redete mir rein. Als ich mehr über Ibsen wissen wollte, kündigte ich einfach an, einen Ibsen zu machen, und ich fand ein paar Leute, und so lernte ich etwas über Ibsen. Und so habe ich es immer gemacht, wenn ich etwas lernen wollte. Das war herrlich. Ich inszenierte einen Shakespeare pro Jahr, Arrabal, Mrozek, Handke, Pinter, jede Menge Beckett."

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