Die Dekoration der Bühne ist ein Trost für alle, die aus den Herbstnebeln in die Konzertsäle strömen: Hinter einem Halbkreis aus Stühlen und Mikrophonstativen ruht nämlich ein lieblicher Palmenwald. Die Pflanzen, deren unbedingtes Vorhandensein und deren Zahl (mindestens sechs) der Engagementsvertrag vorschreibt, sind fast zwei Meter hoch und stehen in Kübeln. Wer den Konzertsaal betritt, weiß sogleich, daß es südländisch zugehen wird, und solange die Palmen im matten Weißlicht schimmern, nimmt man sie auch gern als tropische Zier in Kauf.

Des Beleuchters Vorliebe für ein sattes Lila verdankt das Publikum allerdings den gelegentlichen Anblick eines verkitschten Bühnenbildes, in dem sich die Musiker dann wie Gespenster in der Geisterbahn ausnehmen.

Zu Beginn aber ist alles freundlich hell und der Star des Abends betritt als erster die Bühne, allein schon daran merkt man, daß Paco de Lucia ein sympathischer Star ist, einer, der sein Publikum nicht so lange hinhält wie viele seiner Kollegen, die gern erst ihre Begleitband vorschicken, damit sie selber um so heller strahlen.

Nein, Paco, wie ihn viele seiner Fans auf der Welt nennen dürfen, setzt sich alleine auf einen Stuhl und beginnt mit einer halb improvisiert wirkenden Ouvertüre. Man spürt, daß er erst sich, den Raum und das Publikum warm spielen muß. Er läßt sich viel Zeit dafür. Zwanzig Minuten hören die Menschen im Saal nur seiner Gitarre zu, einem klanglich ganz abgerundeten, wunderbaren Instrument, das noch in den höchsten Lagen absolut bundrein ist. Die irrwitzige Geschwindigkeit, mit der seine Hände bald über die Saiten eilen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur äußeren Ruhe des Interpreten.

Paco de Lucia ist ein ungemein kraftvoller, konzentriert spielender Gitarrist mit einem Gesicht wie aus Marmor. Er grimassiert den Tönen nie hinterher, er kostet mimisch nichts von dem aus, was seine Hände spielen; allenfalls, bei besonders haarigen Prestissimo Läufen, spannen sich seine Nackenmuskeln etwas, und er legt leicht den Kopf zurück. Auch für den Zwischenapplaus dankt er höflich und ernst, ohne Lächeln, ohne verbindliche Nettigkeiten. Daß der Virtuose nicht bloß ein seelenlos auf der Gitarre herumrasender Tempo Ehrgeizling ist, wußte man schon vorher; denn hätte er nur seine brillante Technik, wäre er kaum zu dem geworden, was er heute ist: zum Inbegriff spanischer Gitarrenmusik der Gegenwart.

Und das ist eben nicht mehr nur Flamenco. Gerade in seinen Solo Stücken hört man Paco de Lucias stilistische Neugier, seine beherzten und sehr selbstbewußten Annäherungsversuche an andere Musik, zumeist an solche, die aus Amerika kommt. Er ist viel zu stolz und viel zu gut, um einfach ein paar typische JazzHarmonien abzukupfern oder charakteristische Blues Formeln zu übernehmen. Alles Fremde wird bei ihm zu etwas Eigenem, und das ist dann sehr spanisch.

Mancher musikalischen Inspirationsquelle bekommt diese Hispanisierung nicht allzu gut. So klingt eben gerade ein wie ein Blues gespielter Flamenco mit den sparsamen, zerdehnten Tönen wie ein Widerspruch in sich, denn kaum hat Paco de Lucia diesen Ausdruck probiert, kommt schon eines jener berühmten FlamencoTremoli, und die schöne Elegie ist wieder dahin. Das bedeutet nicht, daß in Lucias Musik unablässig die rechte Hand über die Saiten rattert, im Gegenteil: Immer wieder unterbricht er sein Temperament mit Passagen, die nicht von dem doch recht engen rhythmischen Korsett des klassischen Flamencos eingeschnürt sind, mit Melodien von einer abstrakten Schönheit und von filigranem Klang.