Noch sind die Erinnerungen ganz frisch. Die "ungeheure Weite der Landschaft" hat Karin im Gedächtnis, von "Mom and Dad" träumt Klaus noch heute, und Elke fand die Gastfreundschaft "einfach umwerfend". Manche kommt das heulende Elend an: "Beim letzten Returnee Treff saßen wir da und erzählten, da fingen die Tränen an zu fließen", berichtet Chris, die ein Jahr in Bolivien verbrachte. Nun sitzen die ExAustauschschüler, die ein ganzes Jahr im Ausland lernten, in einem Ferienhaus im schleswig holsteinischen Hof Ahona und arbeiten gemeinsam an der Verarbeitung ihrer Erlebnisse und Eindrücke. Ein ganzes Jahr haben die 16- bis 17jährigen fern der Heimat gelebt, gelernt - auch wohl gelitten. Gereift fühlen sie sich nun - "richtig erwachsen", sägt Elke.

Als einen "Beitrag zur Persönlichkeitsbildung sehen denn auch die Organisationen, die den Aufenthalt in der Fremde vermitteln, den Schüleraustausch. Ob die Heidelberger EF Ferienschule, American Field Service (AFS), Youth for Understanding oder ICX change - alle verzeichnen Zulauf. Am stärksten zieht es ihre jungen Kunden in die USA - der Sprache und der Kultur wegen. Während Bildungspolitiker allenthalben über die Auslandsmüdigkeit der Studenten klagen, nutzen die Schüler die persönlichkeitsfördernde Reise mit wachsender Begeisterung. 378 Jugendlichen hat AFS im vergangenen Jahr ein Ticket in die Hand gedrückt, allein 240 Bewerber aus Hamburg mußte das traditionsreiche Unternehmen, das 1914 als freiwilliger Ambulanzdienst gegründet wurde, ablehnen. Die Teilnehmerzahl am ICX change Programm hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt, rund 170 Schüler fanden mit Hilfe der Oldenburger Organisation eine zweite Heimat. Die EF FenenschuIe verzeichnete 1984 einen derartigen Andrang, daß nur die Hälfte der 700 Bewerber den Koffer packen konnte, und Youth for Understanding, der größte unter den Austauschvermittlern, ist mit der Entsendung der etwa 900 reisefreudigen Deutschen an die Grenze der Kapazitäten gestoßen - "weil die Farmerorganisationen in den USA den jugendlichen Ansturm organisatorisch nicht bewältigen können".

Wie viele insgesamt die Reise in die Neue Welt antreten, ist unbekannt. Mit der Attraktivität der weiten Welt wuchs offenbar auch die Zahl der Vereine, Gruppen, Organisationen, Komitees und Länderprogramme, die den Schüleraustausch statistisch unübersichtlich betreiben. Sie arbeiten gewinnbringend, wie Ferienschulen; mit der Hilfe vieler Freiwilliger, wie AFS; unentgeltlich wie die niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung oder für Portokosten wie der Ein Mann Betrieb Reiner Bereck aus Kleinvollstedt.

Während Eltern, die ihre Kinder mit einer gemeinnützigen Austauschorganisation ins Ausland schicken, mit 6000 bis 8500 Mark rechnen müssen, berappen Interessenten für kultusministerielle Bemühungen um den pädagogischen Austauschdienst nichts, nur für den Flug je nach US Adresse 1000 bis 2000 Mark, Taschengeld extra. Allerdings zahlen die großen Privatorganisationen Vorund Nachbereitungsseminare und gewähren notfalls auch Stipendien, Ratenzahlung oder Preisnachlaß für wenig begüterte Eltern.

Der Begriff "Austausch" ist bei ihnen nicht zu wörtlich zu nehmen: "Bereichern auch Sie Ihr Leben mit einem neuen Familienmitglied", wirbt AFS, doch nicht jede Familie, die einen Sprößling ins Ausland schickt, muß auch einen Gast aufnehmen. Weil die "Wellenlänge" zwischen Gast und Familie stimmen sollte, legt man Wert auf sorgfältigen Interessenausgleich. Familien, die nur einen preiswerten Babysitter suchen, haben keine Chance. Die Gastgeber müssen für Unterkunft, Verpflegung, Unternehmungen und oft auch für die Versicherungen aufkommen - für viele offenbar Verpflichtungen mit Abschreckungseffekten. Die Reiseziele differieren wie die Veranstalter. Abgesehen von Kalifornien, das ganz oben auf der Wunschliste steht, bieten die großen Austauschorganisationen auch Minderheitenprogramme wie Australien oder EG Staaten an. Lehrer Reiner Bereck hat ausschließlich Südamerika im Angebot, denn: "Von Bolivianern können gerade wir Norddeutsche ungeheuer viel lernen "

Die Politiker sahen eher das große Ganze, als sie 1983 der deutsch amerikanischen Zusammenarbeit vorschlugen, die "gesellschaftlichen Grundlagen" der engen Verbundenheit zwischen USA und Bundesrepublik weiter auszubauen. Als Bauhilfe riefen Bundestagsabgeordnete aller Couleur (bis auf die Grünen) PPP, das "Parlamentarische Patenschaftsprogramm" ins Leben.

Durch diesen Teenage exchange lernten bereits 520 junge Deutsche Sitten und Gebräuche der Amerikaner keiinen. 5 5 Millionen Mark stellt der Bund für die PPP Stipendiaten zur Verfügung. Damit die Parlamentarier ihre Patenkinder nicht zu stark nach persönlichem Gusto auswählen, führen AFS, Carl Duisberg Gesellschaft, Youth for Understanding und das Experiment die Vorauswahl durch. Allerdings achten die Kommissionen darauf, daß sie nicht etwa einen Juso zum Mündel eines CSU Abgeordneten ernennen. Die Kultusbürokratien der Länder mochten angesichts solcher Bonner Bemühungen nicht zurückstehen und riefen neben den bereits bestehenden Schulpartnerschaftsprogrammen das "German American partnership prpgram" (Gapp) aus. Allein in Niedersachsen beteiligten sich daran 34 Schulen und entsenden alljährlich ihre Schüler ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Voraussetzung: Die neunte Klassenstufe muß der Aspirant bereits bewältigt haben. Fast alle angehenden Austauschschüler müssen sich qualifizieren — wenn schon nicht durch das richtige Parteibuch oder das Alter, so doch durch gute Zeugnisse, Lehrer- und Ärztegutachten. Gute Englischkenntnisse sind Mindestvoraussetzung. Im allgemeinen gehört auch ein Interview zu dem Auswahlprocedere. "Wer nur kommt, weil Papa ihn geschickt hat, erhält gewiß keinen Zuschlag", weiß Anette vom Hamburger AFS Komitee.