Der eine, Paul K. Feyerabend, macht seit langem ergiebig die Wissenschaften zur Schnecke, der andere, Gerd B. Achenbach, neuestens gewinnträchtig das Philosophieren zur Praxis. Achenbach, Schüler des "TranszendentalBelletristen" (Selbstporträt) Odo Marquard, hält inmitten eines Nestes von Psychoanalytikern in Bergisch Gladbach philosophische Sprechstunden; Feyerabend, der "mit Hilfe von Handauflegern und Akupunkturisten" (nach PKF) in Berkeley überwintert, liest und inszeniert sommers an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Das neue Bändchen ist größtenteils fallout seiner dreijährigen Schweizer Aktivitäten Das Buch birgt Varianten von Feyerabends selbstmörderischem Steckenpferd: des Kampfes gegen Wissenschaften und Wissenschaftstheorie. Diese hatte er ja schon vor zwanzig Jahren als "eine bisher unerforschte Form des Irrsinns" beargwöhnt; jene, die Wissenschaften, die er den Dekreten von Laien unterstellen möchte, entlarvt er nun als Kunst. Aber damit werden die Wissenschaften beileibe nicht dekoriert ("sogar" Kunst), sondern eher degradiert (auch "nichts anderes als" Kunst) und zugleich die Künste nivelliert.

Die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaften verwischt Feyerabend mit dem Hinweis: "Es ist also nicht so, daß der Wirklichkeit der Wissenschaften ein Reich des Scheins gegenübersteht, sondern wir haben entweder zwei Scheinbilder oder zwei Wirklichkeiten ". Und gegen das sich dank der Wissenschaften Verwirklichende stellt sich Feyerabend so: "Wendet man schließlich ein, daß uns wissenschaftliche Theorien doch helfen, gewisse Dinge zu erreichen - wir können auf den Mond fliegen , unheilbar Kranke werden geheilt , dann lautet die Erwiderung, daß das ja auch für das religiöse Gegenstück gilt. Auch hier tritt man Reisen an, nur eben in geistige Bereiche, auch hier wird man geheilt, nur eben von der Sünde " Über allen Sprachgebrauch sich hinwegsetzend, unbekümmert Kategorien verschiebend, hebt Feyerabend mit subjektiv idealistischer Großmut die "petites differences" zwischen Realität und Imagination auf und macht letztlich den Schein zum Sein - dem ebenfalls ästhetisch entfachten Altersrelativismus und Irrealismus Nelson Goodmans darin nicht nachstehend. Für die neue Rücksichtslosigkeit, mit der er im folgenden Begriffe wie Wahrheit, Abstraktion, Rationalität, ja Begrifflichkeit selbst abwertet, setzt dieses Büchlein neue Maßstäbe. Es führt vor, wie Feyerabend seine Provokationen radikalisiert und das damit errungene Image des "Bad Boy öf überlegten, Methqdenpluralismus - "anything ür einen krassen altsophistischen Relativismus drangegeben - "anything goes", gleich gültig und immerdar.

Zu diesem gefährlichen Relativismus hat er sich durch Einsichten des 1905 verstorbenen österreichischen Kunstgelehrten Alois Riegl inspirieren lassen, an dem er in der ersten Abhandlung seines Bändchens Wiederbelebungsversuche anstellt. Riegl fand, daß es innerhalb der Kunst keinen Fortschritt, sondern nur den Wechsel beliebiger Kunstabsichten, Ziele und Stile ("Kunstwollen", wie das damals hieß) gebe. Dieses, wie Feyerabend meint, "fortschrittliche Kunstverständnis" von der Fortschrittslosigkeit der Kunst, das indes heutigentags ziemlich binsenweise wirkt, überträgt er kalten Blutes auf den Gang der wissenschaftlichen Forschung, die somit gleichfalls als im ganzen stagnierend und bloßem Stilwechsel unterworfen erscheint. Daß eine Unsumme szientifischer, "bloß" quantitativer Veränderungen und Neuerungen sich qualitativ in der Faktizität eines veränderten "Weltbildes" niedergeschlagen hat, daß es "richtigere", gehaltvollere Theorien gibt, einen Paradigmenwechsel zum Wahreren, weist er weit von sich (lange Cafeteria Debatten mit Thomas S. Kühn bestärkten seinen Verdacht, Wissenschaft zeuge sich nicht kumulativ fort). Eigensinnig undialektisch verteufelt er- so auch die Abstraktion zugunsten konkreter Rede, ohne, wie Herder es etwa schon klargemacht hat, die diverse Zweckmäßigkeit von Abstraktion und Konkretion, von Chiffre und Bild, in Rechnung zu stellen. Selbst gfaber, im Zuge seiner Polemik gegen das ungeschichtlich Begriffliche, erhebt er nach Gutdünken Wörter, beispielsweise solche Homers, in den Rang von Begriffen oder Termini, die an "die Züge des Lebens von Menschen" angepaßt seien. Das scheinen mir bedenklich lichtlpse Pfade, die Feyerabend hier einschlägt, Pfade ins WaberndLebenspralle, in die Zweit- und Dritt Natur der Postmoderne, in einen daseinsfroh geschminkten Pessimismus. Plausibel klingt die unlängst vorgeschlagene Erklärung, im Falle Feyerabend handele es sich um die "Schwierigkeiten, die ausschließlich wissenschafisorientierte Philosophen heute mit ihrem Rationalitätskonzept" hätten. Bis dato ließ sich Feyerabend sympathischerweise von diesem "Rationalitätskonzept" öfter mal Urlaub von der Vernunft verordnen. Soll jetzt die Vernunft selbst in Pension geschickt werden?

Einmal erregt sich Feyerabend über eine "den Rationalismus immer wieder rettende Irrationalität". Dagegen steht doch auch eine seinen outrierten Irrationalismus immer wieder hinhaltende Rationalität. Beispiel dafür ist der aus dem Rahmen des übrigen fallende Aufsatz (ursprünglich Kurzreferat) "Kreativität - Grundlage der Wissenschaften und der Künste oder leeres Gerede?". Gegen Einstein und mit Ernst Mach und Homer reduziert Feyerabend das so dumpf beredete Schöpferische auf ein Resultat langwieriger Anpassungsprozesse oder auf den Zwang der Umstände, die "kreative" Entscheidung eigentlich überflüssig machen. Feyerabend, mit einem Mal wieder der Anti Mystiker, der Vernünftig Nüchterne, stößt uns in gewohnt raschen, springerhaften Gedankenzügen darauf, daß das "bloße Herumreden von der schöpferischen Größe des Menschen möglicherweise auch sehr schädlich" sein kann.

Insgesamt scheint mir, Gott seis geklagt, Paul Feyerabend mit dem Bändchen "Wissenschaft als Kunst" aus der Rolle des Dada Denkers und wissenschaftlich antiwissenschaftlichen Entertainers ziemlich unkünstlerisch herausgefallen zu sein. Was er uns jetzt zu lesen gibt, ist mindestens so bierernst wie der Ernst der "ernsten Herren" Professoren oder der "akademischen Rotznasen", die er, laut Vorwort, ärgern möchte. Schon in diesem Vorwort ist sehr feierlich vom Frieden die Rede, den Feyerabend, jetzt auf dem laufenden, für das "wichtigste Problem unserer Zeit" hält.

Überdies soll es ein Friede "mit der Natur" sein, so daß Feyerabend zugleich hinreichend grün scheint. Und insofern er dies weite Feld der "Friedenskämpferin" Grazia, seiner neuen Freundin, verdankt, hat er zum Schluß auch das Thema Feminismus auf das Anmutigste seinem Poltergeist attachiert.

Hat man Feyerabend künftig eher als Mitläufer im weltweiten Heer der Außenseiter zu sehen, so trifft man bei Gerd B. Achenbach auf einen noch - außenseiterischen Einzelgänger, der die Philosophie zu Heilzwecken nutzt. Das laß t sich natürlich als der skurrile Einfall eines originellen jungen Denkers belächeln, der den Ausweg aus der verstopften akademischen Institution schlau erkannte. Doch das Lächeln hört auf nach der Lektüre des Bandes von Mit emphatischer Argumentation, hintersinniger Dialektik und bezwingender Eloquenz demonstriert und rechtfertigt Achenbach die Möglichkeit, ja Notwendigkeit einer philosophischen praktischen Lebenshilfe, von der er sich sogar im kretisierung der erstarrten Gelehrtenphilosophie verspricht.