Für die Medizinstudenten in Münster ist es gar keine Frage: der "Modellversuch zur Intensivierung des Praxisbezugs der ärztlichen Ausbildung" ist nicht mehr wegzudenken. Seit 1980 vom Bund und dem Land Nordrhein Westfalen gefördert, wird damit etwas verwirklicht, was für das Gros angehender Ärzte immer noch Papier ist: das Lernen in und an der Praxis. Daß Studenten zwar viel theoretisches Wissen anhäufen, doch zu wenig Praktisches können, ist selbst in der Zunft unbestritten. Die künftige Kundschaft, den Patienten, bekommen sie in den ersten vier Semestern gar nicht und im folgenden klinischen Teil ihrer Ausbildung auch nur sporadisch zu Gesicht. Viele Ärzte finden es im nachhinein betrachtet eigentlich zu wenig, "daß man während des Studiums mal über den Bettrand schauen durfte". Dies sollte die neue Approbationsordnung von 1970 ändern. Von Bedside teaching war damals die Rede und kleinen Gruppen. Und dabei blieb es denn auch "Heute stehen 10 bis 20 an einem Bett", berichten Studenten. Sie ziehen an einem Nachmittag in der Woche für zwei Stunden in großen Pulks durch Universitätskliniken. Wenn sie Glück haben, werden sie an verschiedenen "Fällen" vorbeigeschleust, erhalten dort eine Minivorlesung. Aus vielen Gesprächen mit Studenten können es die Mitarbeiter des Modellversuchs, Karl Paetz und Hartmut Paul, belegen: Für Studenten, Ärzte und Patienten ist diese Massenabfertigung eine Zumutung. Da entwickle sich so eine Mentalität: "ich geh da mal eben hin und mach mal eben", oder "zeigen Sie mal Ihren Bauch her". Wenn es denn überhaupt dazu kommt. Untersuchungstechniken wie Abhören und Abklopfen bleiben ebenso auf der Strecke wie menschliches Einfühlungsvermögen.

"Wenn ich heute noch einmal studieren könnte", meint der Arzt für Allgemeinmedizin, Dr. Hans Hubertus Karbe, "dann wäre ich für Famulaturen bei Landärzten und Internisten, bevor die Ausbildung anfängt "Die ganzen Semester bis zehn waren ziemlich theoretisch", und den Anschauungsunterricht in den Unikliniken hält er schon deshalb für problematisch, "weil dort nur die komplizierten Fälle liegen In Deutschland würden Mediziner eben so ausgebildet, als solle jeder "ein Medizinforscher" werden. Dabei müsse der normale Arzt doch lernen, mit Menschen umzugehen, ihre häufigsten Zipperlein und Krankheiten zu kennen und zu behandeln.

Medizinstudenten in Münster können das. Der Modellversuch praktisches Lernen an der medizinischen Fakultät half dabei. Sie ziehen dort nicht mehr in Riesengruppen durch die Abteilungen der Universitätsklinik. Sie lernen in "Krankenhäusern der Regelversorgung", wie man das nennt. Und dort machen sie ein Praktikum von jeweils 14 Tagen, zum Beispiel in der Chirurgie, der Inneren Medizin, der Psychiatrie oder der Kinderheilkunde. Zuvor lernen sie in besonderen Kursen, wie man mit Kranken umgeht, sie anspricht. Man übt am Thoraxtrainer das Abklopfen und Abhören von Herz und Lunge, informiert sich zusätzlich in einer medizinischen Mediothek. Das zweiwöchige Praktikum pro Semester am Stück hat den Vorteil, meint Karl Paetz, daß Studenten auch einmal den Ablauf einer Krankheit miterleben und nicht nur "Fälle" in Häppchen verabreicht bekommen. Die Bereitschaft der Ärzte in den nichtuniversitären Kliniken, diesen Versuch mitzumachen, war unerwartet groß. 82 Krankenhausabteilungen in und um Münster bieten inzwischen rund 800 Plätze im Semester an. Die Lernbedingungen sind optimal: ein Student auf einer Station. Die Münsteraner Ausbildung, schwärmt der Medizinstudent Heiner Busch, nähere sich der Qualität der Privatuniversität Herdecke an. Und er meint damit vor allem den engen Kontakt zum Patienten schon im Studium. Dies an einer "Massenuniversität" verwirklicht, das sei schon "eine tolle Leistung". Vorbilder für das Modell gibt es in Frankreich, England, der Schweiz und in Israel. In der Bundesrepublik ist es einmalig. Allerdings bedeutet dies für deutsche Ordinarien in den medizinischen äkültäten eine feewisse Umstellung denn schließlich wird ihr bisheriges Ausbildungsmonopol aufgeweicht durch das Lernen außerhalb der Universitäten. So beschreiben Beteiligte am Modellversuch die Haltung der Fakultät bislang auch eher mit "wohlwollender Gleichgültigkeit" denn jubelnder Zustimmung.

Der Dekan der medizinischen Fakultät in Münster, Prof. Fritz H. Kemper, sieht die Arbeit des Modellversuchs vorrangig unter quantitativen Gesichtspunkten, das heißt als Entlastung der überbordenden Universitätskliniken. Er findet den Versuch "im Prinzip außerordentlich nützlich", denn so könne man mit der großen Zahl der Studenten besser klarkommen, aber er besteht auf dem "Primat der Fakultät", auf "Observierung" dessen, was da draußen in den Krankenhäusern "geschieht - "bei aller Wertschätzung der Kollegen". Fragezeichen setzt er auch, ob die Patienten dort auf Dauer mitmachen und ob es den Kollegen nicht doch zuviel würde, neben dem täglichen Klinikbetrieb auch noch Studenten zu betreuen. "Was können die alles fragen!"

Das sei in der Tat "irgendwo eine Belastung", meint Dr. Hubert Drepper, der seine Klinik Hornheide für Studenten geöffnet hat. Die Betreuung müsse sicher nebenher geschehen, sei aber "einfach wichtig", weil Studenten schon früh lernen müßten, nicht nur Wissen im multiple choiceVerfahren abzuhaken, sondern vor allem auch die Ängste und Nöte der Kranken zu sehen, zu verstehen und darauf angemessen zu reagieren. Seine Patienten in der Fachklinik für Tumor, TEC und Wiederherstellung an Gesicht und übriger Haut gehören sicher nicht zu den leichten Fällen. Doch bislang haben sie offenbar Verständnis gezeigt für die Probleme nachwachsender Mediziner. Daß deren Ausbildung "Sache der Universität bleibt", ist für Dr. Drepper keine Frage. Aber das durchweg große Engagement und Interesse der Studenten im Krankenhaus zeige doch, daß dieses praxisnahe Lernen eine gute Ergänzung der Theorie sei. Zwar sieht auch der Dekan der medizinischen Fakultät, daß die Universitätskliniken wegen des "besonderen Krankenguts" für manchen angehenden praktischen Arzt nicht gerade das geeignete Übungsfeld ist. Ein grundsätzliches Problem in der Medizinerausbildung aber sieht er nicht, eher schon so eine "Barfußarztmentalität" chinesischer Prägung, die sich da breitmachen könnte. Durch Herunterfahren der Studienanfänger von derzeit "12 000 pro anno" auf 8000 würde sich alles von selbst erledigen. Dieser Meinung aber sind die Veranstalter des Modellversuchs nicht. Ihr Projektleiter Professor Dietrich Habeck und seine Mitarbeiter, schon lange bemüht, die kopflastige Ausbildung aufzulockern, sehen in diesem Modell mehr als nur ein zeitlich begrenztes Überlastprogramm, sondern einen Beitrag zur längst fälligen Studienreform in diesem Fachgebiet. Ob freilich noch Zeit dazu bleibt, ist die Frage. Denn Ende 1985 läuft der keineswegs teure Versuch aus. Er kostet jährlich 330 000 DM und hat schon über Münster hinaus gewirkt. In der fünften Novellierung der Approbationsordnung von 1970, die derzeit in Bonn mit den Verbänden diskutiert wird, wird empfohlen, die "peripheren Kliniken in die Medizinerausbildung einzubeziehen". Ob dies wiederum nur Papier bleibt, hängt auch vom Weiterleben des Münsteraner Versuchs ab. Einige Überzeugungsarbeit ist noch zu leisten.

Die Ministerin für Wissenschaft und Forschung in Düsseldorf, Anke Brunn, betont, "daß der Modellversuch von 1986 an eine Dauereinrichtung werden soll", und zwar in der Abteilung für Studienplanung und Studienorganisation, der Professor Habeck vorsteht. Soweit so gut. Freilich, in Sachen Stellenzahl und Stellenbeschreibung will sie sich noch nicht festlegen "Mehr als eine wird es schon sein", erfährt man in Düsseldorf. Das aber befriedigt alle Beteiligten am Modellversuch nicht. Es sei mehr als nur Organisation nötig, viereinhalb Stellen also angezeigt. Und selbst die Ärzte draußen finden es wichtig, daß mit ständiger Befragung und Rückmeldung auch der Lernerfolg vor Ort kontrolliert wird. Dies müßte den Intentionen der Fakultät entgegenkommen. Doch der Dekan sieht hier "Parkinson" am Werk, verweist kühl auf Bedarf auch in anderen Bereichen der Medizin. Auch möchte er dieses Unternehmen lieber ganz "in Regie der Fakultät" haben. Die Mitarbeiter des Versuchs fürchten also nicht nur um ihre Stellen, sondern auch um ihre bislang relative Unabhängigkeit.

Im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium hält man sich in diesem Kompetenzgerangel vorerst zurück, möchte aber, "daß die Erfahrungen von Münster von anderen Universitäten des Landes übernommen werden".