" daß aus Bonn, Frankfurt, München (AkaFestspielzeit rief in Erinnerung, daß einmal aus Bonn, seit der Abfahrt von Präsident Heuss in die Pension - das ist fast dreißig Jahre her , eine kulturelle Anregung kam: Präsident Scheel hatte die so vernünftige wie menschenfreundliche, sogar kaufmännisch lohnende Idee, "Festspiele am Rhein" zu gründen! Doch Scheel hatte noch nicht ausgeredet, da redete der Finanzminister - damals ein Sozialdemokrat, aber das macht keinen Unterschied: gegen Kultur halten sie allemal zusammen , die Idee auch schon tot: kein Geld! Das war eine finanziell dumme Bemerkung. Denn in Österreich, wo Politiker der Kultur Aufmerksamkeit zukommen lassen, verdient der Staat an seinen Festspielen, wie er denn auch weiß, daß Wien deshalb zur meistbesuchten Touristenstadt neben Venedig und Paris wurde, weil dort siebenundsern gar nicht zu reden.

Österreich gab kürzlich bekannt, am 16. August: "Die Salzburger Festspiele bekamen 1984 zehn Millionen Mark Zuschuß, führten aber über zwölf Millionen Mark Steuern ab . Der Umsatz der Salzburger Wirtschaft, der direkt auf die Festspielgäste zurückzuführen ist; hat 1984 rund 54 Millionen Mark betragen, gegenüber 32 Millionen Mark im Jahr 1978 Als neulich Meersburg in einer ausgedienten Textilfabrik Sommerfestspiele gründete, da mußten in jeder Vorstellung von Beaumarchais "Hochzeit des Figaro" und Waisers "Fliehendes Pferd" zahllose Leute sich mit Stehplätzen begnügen - weil alle Sitzplätze ausverkauft waren: Die Leute kämen schon - käme Theater in Touristenzentren! Auch in Bonn; ein Ministerialrat schrieb mir die Zahlen: "Im Jahre 1983 haben insgesamt 250 000 Personen das Regierungszentrum im Rahmen des Bildungstourismus besucht. An Besichtigungsprogrammen des Bundestages, die nur in den Parlamentsferien durchgeführt werden, haben etwa 160 000 Personen teilgenommen "

Bonn könnte ebenso preiswert wie West Berlin Ferien Theater haben, wenn es ebenso wie Berlin zunächst auf eigene Inszenierungen verzichtet und ansehenswerte aus anderen Städten einlädt zu Festspielen am Rhein. Daß die Bonzen allein sich tiert sehen wollen, indem sie ihnen allein das architektonisch ach so überwältigend eindrucksvolle Bundeshaus zeigen, aber nichts tun, nichts, auch Kunst dieses Landes den Reisenden zu vermitteln, das ist ebenso exemplarisch für die Bonner wie ihre totale Okkupation der einzigen Fernsehsendung, die repräsentativ ist: der Tagesschau. Stattfindet, was dort stattfindet. Und dort findet allein Politik statt. Aber das - und wir wollen betrach ten, wieso - rächt die Geschichte: Es kommt auch denen, die das nationale Schaufenster, die Tagesnen an sich reißen, nicht zugute, daß sie Kunst nicht einmal mit dem Hintern ansehen, diese Repräsentanten unserer käuflichen Republik, als die sie in die Nachwelt abginge, hätte sie überhaupt Nachwelt. Doch Bonn wird spurlos verschwinden. Beginnen wir mit einer Anekdote, die zwar im kaiserlichen Berlin spielt, aber für Bonn mehr aussagt, als Bonn lieb sein kann "Tote schleife ich nicht", sagt Benn - und tatsächlich ist nichts billiger, als über Kaiser Wilhelm den Letzten zu lachen oder zu wüten. Wer sich aber dennoch darüber lustig macht, daß der Kaiser zwar Anton v. Werner - doch nicht Max Liebermann im Atelier besuchte, sei immerhin daran erinnert, daß er 1905 mit seiner ganzen Familie dem Sarg Menzels folgte: Seit 1660, als zu Madrid Velasquez starb, hatte kein Gekrönter einem Maler die letzten Ehre erwiesen.

Mag der Kaiser auf "Prinz von Homburg" Proben zuweilen auch Unzuständiges geschwätzt haben: Er kam zu Proben und Premieren, ja riskierte den Besuch sogar von Uraufführungen; während in den vierzig Jahren, seit Bonn nun bald Metropole ist, noch nie ein Untertan einen Präsidenten, Kanzler, Minister in der Uraufführung eines Dramas ertappt hat: "Man" geht nie oder erst dann ins Theater, wenn sich das Stück als garantiert ebenso unanstößig erwiesen hat wie ein Klassiker oder wie eine Oper oder wenn es ein Klassiker ist! Ist das relevant, ob unsere Oberschicht modernes Theater besucht? Ja, denn "wie die Alten sungen - so pfeifen die Jungen": das trifft zu auf große wie kleine Leute; halten Regierende Kunst für wichtig, indem sie sich persönlich "ihr aussetzen", so wie sie sich bereitwillig im Fußballstadion filmen lassen (besucht Präsident Reagan Bonn, so empfängt er zwar Herrn Fußballer Bekkenbauer, aber keinen Künstler), dann finden auch die Normalverbrauchten, Kunst sei zwar nicht ernst zu nehmen an sich, aber doch wegen ihres gesellschaftlichen Stellenwertes; und dann gehen auch sie hin!

Das enge Verbundensein des deutschen Bürgertums früher mit dem Theater ist die Folge - nicht allein, doch in erster Linie - der nahen Verbindung der Höfe zu ihren Theatern: Keiner wurde bis 1916 Burgschauspieler, ohne dem Kaiser in Wien persönlich vorgestellt worden zu sein. Liest man die aufschlußreichsten aller Chroniken über das kulturelle Berlin zwischen 1870 und 1930, die zwei Memoirenbände der preußisch britischen Diplomatentochter Marie von Bunsen, so findet man zum Beispiel folgenden Dialog zwischen Wilhelm II und Erich Schmidt, dem noch heute maßgebenden Lessing Biographen, der mit Mommsen den Ehrendoktor für Fontäne durchgesetzt hat. Der Kaiser fragt den Ordinarius, ob er sich drüben im Schauspielhaus schon den neuen Sudermann: "Strandkinder" angesehen habe. Der Germanist mit pontifikaler Hochnäsigkeit: "Nein, ich habe es noch nicht gesehen, bisher waren seine Dramen leider belanglos!" Chronistin Bunsen überliefert diesen Hofball Dialog, um Schmidts Unabhängigkeit vor Seiner Majestät Kunstgeschmack zu belegen. Doch uns heute ist diese Unterhaltung aufschlußreich aus Gründen, die sich Hofdame von Bunsen nie hätte träumen lassen: Uns schreckt ein Vergleich auf zwischen den Berliner Herrschern und denen aus Bonn, weil wir bei M v. Bunsen lesen, erstens: der Kaiser tauschte mit dem Ordinarius Gedanken aus während die Bonner nicht einmal den Namen des Ordinarius kennen; zweitens: er riskierte, Uraufführungen zu besuchen - nur umstrittener Kunst kann man "sich aussetzen"; drittens: statt umgekehrt, tritt der Monarch bei einem Germanisten für einen umstrittenen Dichter ein t den zehn Jahre zuvor noch Zensor und Polizei viel radikaler als sogar den Gerhart Hauptmann verfolgt haben während der Bürger Schmidt sich nicht schämt, einen Autor, ohne dessen neues Stück zu kennen, beim Kaiser schlechtzumachen, weil er sich einbildet, es schmeichle dem Monarchen, wenn er borniert verächtlich über einen Dramatiker spricht, der früher des Kaisers Widerwillen erregt hat. Zugegeben, in Bonn ist diese Szene undenkbar, weil dort Uraufführungen nicht stattfinden, jedenfalls niemals eine, von der je jemand gehört hätte - im Gegensatz zu früher. Früher, im erzbischöflichen Bonn wurde am 20. Juli 1783 das (von der Mannheimer "Räuber" Uraufführungsbühne als politisch zu gewagt!) abgelehnte zweite Stück Schillers: "Fiesco" uraufgeführt, das alsbald Kaiser Joseph II persönlich in Wien für die Aufführung am Burgtheater einstrich, obgleich doch immerhin dieses Stück die Republik als Staatsform fordert, ja propagiert: Damals aber hatten Herrscher Interesse an Kunst, heute nicht. Interesse ist legitim nur, wo es sich nicht zurückzieht auf die gang und gäbe gewordene Kunst, die man klassisch nennt, weil sie so anpassungsfähig ist wie Opern. Sondern wo es den Mut mitbringt auch zu gesellschaftskritischer Kunst, zu politisch verbindlicher. Wie König Ludwig I von Bayern "Don Carlos" ins Spanische - so hat ein Menschenalter vor ihm ein Prinz von Braunschweig Lessings "Emilia Galotti" ins Französische übersetzt, darin den Satz: "Der Prinz ist ein Mörder!" (Während die Herzogsfamilie Lessing bis zuletzt zur Tafel holte, waren es die Bürger Braunschweigs, die hysterisch diskutierten ob man mit dem unmöglich gewordenen Autor des "Nathan" "noch essen gehen" könne! Den Künsten insgesamt - das darf man resümieren zweihundert Jahre nach der Französischen Revolution - ist der Sieg des Bürgertums sehr schlecht bekommen; exemplarisch, daß es die Revolutionäre waren, die dem rast achtzigjährigen Goldoni in Paris die Pension aberkannten, die der Hof ihm ausgesetzt hatte - wenige Tage vor seinem Hungertode haben auch die "Demokraten" dann beschlossen, Goldoni die Rente wieder zu "gewähren" ) Seit Bonn "Hauptstadt" wurde, hat nicht ein einer seiner Untertanen davon gehört, in diesem Bonn sei ein Drama, eine Oper uraufgeführt, ein Buch verlegt, ein Gebäude, ein Denkmal - zum Beispiel für Opfer des Faschismus oder für ermordete Juden - eine Galerie, eine Bibliothek oder Akademie oder auch nur ein Lehrstuhl errichtet, ein Verlag oder auch nur eine Zeitung gegründet worden, die wenigstens zehn Minuten Aufmerksamkeit hätten beanspruchen können! Bonn hat Interesse allein an der totalen Beschlagnahmung des nationalen Schaufensters, das man Tagesschau nennt, für die Selbstdarstellung seiner sogenannten Spitzenpolitiker, die zuweilen im Ernst von "einem Gipfel" sprechen, wenn sie einander treffen. Österreichs Tagesschau stellt dagegen jeden Abend mindestens fünf Minuten Kultur aus. Bei uns: als ein Verlag die Tagesschau bat, die Hamburger Feier zum 200. Todestag Lessings zu erwähnen, lautete die entrüstet ablehnende Antwort: "Morgen? - aber da fährt doch der Kanzler zu Mitterrand!" Als das Nationaltheater Mannheim "Räuber" Uraufführung zu erwähnen - blieben beide ebenso weg wie der eingeladene Bundespräsident. Man muß allerdings hinzufügen, der erwähnte Präsident - sein Name ist schon ebenso dahin wie seine Aura und Ära, hätte er die gehabt - war jener, der den Verdacht aussprach, der Terrorismus Propagandist Böll tarne sich "unter dem Pseudonym Katharina Blüm". Ist das entscheidend, ob die Herren Kultur schon in der Tagesfen, wenn Hühner und Berufstätige schlafen? Ja, enn nur die Tagesschau Zeit hat Öffentlichkeit in Polis. Wenn Bonn klagt über das "hündische Kriechen der Intelligenz vor den politischen Begriffen , daß diese politischen Begriffe die primären seien, wird von dieser Intelligenz der Klubs und Tagungen schon lange nicht mehr bezweifelt, sie bemüht sich nur noch. sich von den Politikern als tragbar empfinden zu lassen" - so hat schon 1914 Otto Flake in S. Fischers einst so ruhmreicher Neuen ;zum Schütze Heinrich Manns gegenüber den Usurpatoren der Öffentlichkeit untersucht, warum in Deutschland der Politiker den Künstler und Gelehrten ins Abseits verdrängt; so wie es sehr lustig später Jaspers kommentiert hat, als die Bonner ihm vorwarfen, die niederträchtige Ruchlosigkeit des Philosophen bestehe nicht darin, daß er die staatliche Anerkennung der DDR gefordert sondern daß "er das Femsehen benutzt hat", diese gemeingefährliche These vorzutragen! Das Fernsehen gehört, wo es sich politisch artikuliert, gefälligst den Parteibonzen allein. Otto Flake schrieb zur Ausbugsierung der Intellektuellen Deutschlands in ein poetisches Niemandsland, wo sie nicht stören: "Künstler, die sogleich einen scharfen Intellekt haben, werden mit Haß auf Verhältnisse reagieren, in denen die Machthaber das einzige Recht, das sie der Kunst gegenüber haben: die großen Talente zu weithin sichtbaren Repräsentanten der nationalen Kultur zu machen, nicht nur nicht ausüben, sondern sie geflissentlich übersehen oder gar beschimpfen; aus diesem Haß oder mindestens der kalten, bewußten Entfremdung wurde eine ganz neue, bestimmt gefärbte Opposition geboren, durch einen Akt der Selbsthilfe entstand, später als in anderen Ländern, und noch heute bei uns nicht als berechtigt anerkannt, der Intellektuelle "

Vor siebzig Jahren publiziert: beschreiben diese Sätze den Bonner Tculturlosen Schrebergarten ebenso exakt, wie sie erhellen, warum etwa Ludwig XIV und Edward VII. Figuren der Geschichtsschreibung wurden - die Bonner aber keine werden. Beide Monarchen - ebenso Napoleon III und seine Prinzessin Mathilde, bei der Flaubert und Maupassant und Impressionisten ausund eingingen - lebten mit ihren Künstlern, sei es Wenn Ludwig sich so oft mit dem aufs höchste gefährdeten Moliere, den er natürlich auch ernährte, sehen ließ, bis die Kirche aufhörte, öffentlich Ton allen Kanzeln die Verbrennung des "Tartufie" Dichters zu fordern; wenn Edward VII. Oscar Wilde demonstrativ in seine Loge holte während der Uraufführung der ungeheuerlichen, als Komödie getarnten Anklage, demnächst werde ein Idealer Gatte" Premierminister, der seine Karriere mit dem Verkauf von Kabinettsgeheimnissen gemacht hat: dann hatten diese Fürsten ihren Zeitgenossen - zeitgenössische Kunst empfohlen! während bei uns sogar die Star Regisseure dem Irrtum aufsitzen, sie würden klassische, wenn sie nur noch Klassiker inszenieren - doch kennt die Nachwelt Max Reinhardt allein deshalb, weil er mit umstrittenen Zeitgenossen korrespondierte und die ebenso durchkämpfte, wie er Salzburg als Idee realisiert hat!

Kerne Epoche - außer der Bonner, die deshalb keine wird , die nicht dank ihrer kulturgeschichtter der Große Leibniz besuchte oder Metternich Rossini bedrängte, ja zum Veronaer Kongreß seine neue Oper zur Uraufführung fertigzu haben, ob Gneisenau eine Nänie auf Lessings Tod dichtete oder Katharina Diderot und Italiens erste Architekten nach Petersburg holte, Bonn allein begnügt sich seit vierzig Jahren mit der Erörterung on Schweinepreisen oder der Zusammensetzung on Olympiastaffeln oder des Benzins. Das reicht für Jobs, doch nicht für die Nachwelt. Von der Generationen von Künstlern brotlos machen, indem sie - nur ein Beispiel - sich nicht einmal darum kümmern und ihre barbarische kulturelle Unititeressiertheit mit Liberalität tarnen, daß eine so unabweisbare nationale Verpflichtung: "Holocaust" zu verfilmen, eingelöst wird von der Nation, die Holocaust gemacht hat! Bonn tarnt seine Ignoranz mit "Nichteinmischung", die darin besteht, deutsche Künstler, ohne einen Blick für sie, den Apparatschiks des Fernsehens auszuliefern, die genau wissen, daß sie politischen Ärger sich am ehesten dadurch ersparen bei ihren Brotherren, den parteiischen, daß sie problematische deutsche Autoren aushungern durch deren Ignorierung viele Autoren hungern hierzulande - und die riskanten Themen Ausländern abkaufen Die von Herrn Scheel angeregten Festspiele hätten ganze zwei Millionen gekostet - die von drei, vier Gewerkschaftsfürsten und Industriellen bei jedem Frühstücksglas lockerzumachen wären Kunst! Doch die Ignorierung der Künste durch Regierende - ein ehernes Gesetz - führt zur Ignorierung der Regierenden durch Klio, die Muse der Geschichte Schreiber. Wenn neulich jemand, der in der Frankfurter schreiben darf, dort seine Vermutung in Druck gab, anläßlich der Festschrift zum 70. Geburtstag eines Ministerpräsidenten: " gibt mit seiner Schilderung des Aufbruchs zum Kampf um die Nachfolge des als Kanzler nach Bonn berufenen wichtiges Material für die Zeitgeschichtsschreibung": so muß dieser Rezensent groteskerweise für möglich halten, in fünfzig Jahren werde sich jemand der Mühsal unterziehen - ohne irgendeine Aussicht auf Leser! , ein Buch über Berufsgerangel in Bonn zu schreiben; dieser Autor, der sich nie finden wird, müßte ja als erstes BRD mit Banausenrepublik Deutschland übersetzen - hätte Bonn überhaupt Nachwelt! Die haben aber nur Staaten, die mindestens eine interessante Architektur in ihrer Hauptstadt als Visitenkarte den Enkeln vorweisen können oder - wie Bismarcks Berlin - unübersehbar schöne Museen schaffen. Bismarck, der ablehnte, Steuern für Einkommen aus Kunst zu erheben, hat Curtius beauftragt, Olympia auszugraben, und half Schliemann; und in seiner Metropole wirkten so bedeutende Persönlichkeiten wie Ranke, Virchow, Helmholtz, Fontäne; so wie im Berlin Hardenbergs auch Schinkel, Hegel, C. D. Friedrich, Kleist; wie das Berlin des letzten Wilhelm auch das von Liebermann, Wilamowitz, Zille war; und wie das Berlin Rathenaus und Stresemanns auch das Berlin Heinrich Manns, Piscators, der Kollwitz gewesen ist. Die Herzöge von Braunschweig und Weimar kennen wir, weil die Schwester Friedrichs des Großen Lessing an ihren Hof holte, so wie deren Tochter mit Wieland und ihrem Sohn August Weimar zum Zentrum der Kultur gemacht hat.