Der Genfer Gipfel scheint in der US Hauptstadt Monate, wenn nicht Jahre entfernt zu sein. Amerika feiert erst einmal die spektakuläre Aktion gegen die palästinensischen Terroristen; das Aufatmen ist allenthalben spürbar. Die wenigen, die wissen, mit welcher Verstimmung die Verbündeten in Rom und Kairo auf den Coup reagiert haben, sind zuversichtlich, daß Ronald Reagan - wie schon so vieles andere - auch dieses schon hinbiegen wird. In den warmen Herbsttagen sonnt Washington sich im Wohlgefühl. Wer dagegen nach politischer Führung, nach einer Richtschnur künftiger Politik sucht, der wird enttäuscht. Die Fragen, die das erste sowjetischamerikanische Gipfeltreffen seit über sechs Jahren aufwirft, bleiben immer noch ohne Antwort. Ist für Amerika die wiedergewonnene militärische Stärke nur Selbstzweck? Soll die Genfer Begegnung den Chefs der beiden Großmächte nur die Gelegenheit zu unverbindlicher Plauderei auf höchster Ebene bieten? Gipfeltreffen haben noch selten gehalten, was die Öffentlichkeit sich vorher von ihnen versprach. Aber zumindest haben sie die weltpolitischen Konturen verdeutlicht. Jetzt hingegen, vier Wochen vor dem Gipfel, zeigt Washington keinerlei Eile, die eigenen Absichten und Ziele für den Dialog mit Moskau zu klären.

Das Regime Ronald Reagans hat die einst so lebendige, zupackende, präzis analysierende Elite der amerikanischen Hauptstadt in Meltau gehüllt. "Das Problem mit dieser Stadt", stöhnt ein hoher Regierungsbeamter von ehedem, der Washington nicht nur wegen des höheren Salärs in der freien Wirtschaft verlassen hat, "ist, daß niemand sich heute über die Zukunft Sorgen macht Wie in einem Hofstaat vergangener Zeiten ist die politische Diskussion zum Rätselraten über Personen verflacht. Nicht mehr die großen Themen der Politik bestimmen die Gespräche, sondern Spekulationen: über den Präsidenten, die Rolle seiner wichtigsten Ratgeber und den Einfluß seiner Frau.

Gewiß, die Gipfelvorbereitungen sind formell in vollem Gange. Die Bürokraten rotieren, Arbeitsgruppen beraten, Positionspapiere werden entworfen und verworfen. Aber in das Weiße Haus scheint dies alles bisher nicht vorzudringen. Selbst Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates bestreiten nicht, daß in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten von einer intensiven gedanklichen Vorbereitung auf den Genfer Termin noch kaum die Rede sein kann. Eine klare Weisung nur hat das Weiße Haus ausgegeben: In keinem der internen Arbeitspapiere dürfe der Ausdruck "der Gipfel" vorkommen. So heißt denn die Begegnung zwischen den beiden mächtigsten Männern der Welt schlicht "das Genfer Treffen". Hoffnungen sollen nicht erst geweckt, Entscheidungszwänge möglichst vermieden werden.

Denn Washington ist zerstritten zwischen Ideologen und Optimisten. Die Ideologen fürchten, der Präsident könnte trotz seiner markigen Sprüche am Konferenztisch weich werden, die Optimisten hoffen es. Die in der Wolle gefärbten Reaganauten schnuppern Gefahr: Wird der Präsident nicht doch nachgeben, vor allem, wenn ihm nun ein alerter, energischer Kremlchef gegenübersitzt? Beim Abendessen im feudalen Vorort Arlington spricht der Gastgeber, ein von Reagan berufener hoher Beamter, unverblümt aus, was viele der Getreuen empfinden: "Tschernjenko, das war ein Kremlchef nach unserem Geschmack Und ein Senator in der Runde fragt empört, wer den Präsidenten überhaupt zu dem Gipfel überredet habe: "Wenn Sie mich fragen, dann ist Reagan von seinen Beratern übertölpelt worden Jetzt komme es darauf an, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Den meisten Herren um den Tisch herum fällt auf die Frage, ob denn irgendein Abkommen mit den Sowjets für Amerika vorteilhaft sein könnte, gar nichts ein. Der Gipfel - das ist für sie im besten Fall Zeitverschwendung, im schlimmsten Fall ein Ausverkauf amerikanischer Interessen.

Die Ideologen haben sich nicht aufs Wehklagen beschränkt. Sie haben gehandelt, um zu verhüten, was sie für das Schlimmste halten: einen Kompromiß in der Frage der Weltraumrüstung. Gerade solch einen Kompromiß aber will die Sowjetunion - und wollen alle, die in der Abrüstung vorankommen möchten.

Der jüngste Schachzug der Ideologen ist Anfang Oktober offenbar geworden. Der 1972 von beiden Weltmächten feierlich beschlossene und ratifizierte Vertrag zur Begrenzung der Raketenabwehr, der ABM Vertrag, sollte so umgedeutet werden, daß er der Star Wars Entwicklung keinerlei Schranken mehr setzt. Um ein Haar wäre das Manöver gelungen. Es scheiterte, aber der Flurschaden bleibt. Das Auslegungskunststück zeigt wieder einmal: In Washington wird Politik von unten gemacht, solange sie nicht von oben bestimmt wird. Sein Urheber war Richard Perle, der 44jährige Unterstaatssekretär im Pentagon für Internationale Sicherheitspolitik - ein knochenharter Rechter, der aus seiner Abneigung gegen Rüstungskontrolle im allgemeinen und den ABM Vertrag im besonderen nie ein Hehl gemacht hat. Aber er ficht - und das macht ihn so erfolgreich - nicht mit der Hellebarde, sondern mit dem Florett - mit Charme, bürokratischem Geschick, Skrupellosigkeit, aber auch intellektueller Hartnäckigkeit. Kaum war der Gipfel Termin vereinbart, setzte Perle einen jungen Anwalt an die Arbeit, der ihm das gewünschte Ergebnis bescherte: Der ABM Vertrag, das bedeutendste Vertragswerk der Rüstungskontrolle zwischen den Weltmächten, stehe der Strategischen Verteidigungsinitiative Reagans nicht im Wege. Der ABM Vertrag untersagt in seinem Artikel V den Vertragsparteien, Raketenabwehrsysteme oder Bestandteile, die im Weltraum stationiert werden können, "zu entwickeln, zu testen oder aufzustellen". Das ist ein Testverbot zumindest für raumgestützte Raketenabwehrsysteme und deren wesentliche Bausteine - wie der Laie, aber auch sämtliche amerikanische Regierungen es bisher verstanden. Selbst die Reagan Administration gehörte bis vor kurzem dazu: Noch im vergangenen März bestätigte sie in ihrem offiziellen SDI Bericht an den Kongreß diese Auslegung.

Doch Perle und seine Verbündeten ließen sich davon nicht schrecken. Der Vertrag habe, so argumentieren sie, eben nur die 1972 schon verfügbare Technik gemeint: also Radaranlagen, Abschußgeräte und Abwehrraketen - nicht aber Systeme, die auf "anderen physikalischen Prinzipien" beruhen. Dafür sei im Anhang eine Sonderregelung geschaffen worden, die Vorrang vor der eigentlichen Vertragsbestimmung habe: Begrenzungen für derartige Systeme sollten lediglich zur Diskussion gestellt werden; danach werde man einvernehmlicne Lösungen suchen. Und Simsalabim: Die Vereinigten Staaten könnten bei der Raketenabwehr im Weltraum tun und lassen, was sie wollten - entwikkeln, testen und - so Perle - sogar aufstellen. Wie fragwürdig diese Auslegung ist, hat der Harvard Jurist Abram Chayes vor kurzem in einer Studie nüchtern vernichtend dargelegt: "Das Argument ist irreführend Sinn des Vertrages sei es, nicht nur damals bekannte, sondern auch künftige Techniken einzufangen - sonst wäre er wohl kaum auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Aber ohne eine klare Anweisung des Präsidenten, ja angesichts der eindeutigen Weigerung Reagans, von der Erprobung der Star Wars Techniken abzusehen, konnte Perles Manöver reüssieren. Anfang Oktober verkündete Sicherheitsberater McFarlane die clevere Advokatenformel im Fernsehen als Standpunkt der Regierung. Der ABM Vertrag schien nicht mehr das Papier wert, auf dem er gedruckt war.