Hessens Ministerpräsident Holger Börner will nun wahrmachen, wovon er lange nur geredet hat: die erste rot grüne Koalition in einem Bundesland. Seit nicht weniger als drei Jahren werkeln Grüne und Sozialdemokraten in Wiesbaden an einem Modell, sich in die Macht zu teilen. Mehrmals sind die hessischen Verhältnisse fast außer Rand und Band geraten; in beiden Parteien hatten die Fallensteller und die Mini Machiavellis die Oberhand. Damit könnte es nun vorbei sein. Vom Dezember an, hat Börner seinen Willen, wird Hessen wieder regiert, wie es hierzulande üblich ist: per Mehrheit und vom Kabinett aus. Dann legt Joschka Fischer den Amtseid als Umweltminister ab - der erste grüne Großwürdenträger in der Geschichte der Bundesrepublik.

Falls - falls die Grünen nicht doch noch verrückt spielen, Holger Börner im Parlament das Vertrauen verweigern oder am kommenden Wochenende auf ihrer Landesversammlung in NeuIsenburg den Koalitionspakt ablehnen. Die Partei ist sich ja keineswegs einig, ob ihr Segen auf dem rot grünen Bündnis ruhen kann. Der "Ministerfraktion" steht die nicht zu unterschätzende Fraktion der "Fundamentalisten" gegenüber, die stereotyp behauptet, die "grüne Identität sei aufs Ärgste gefährdet. Der Bundesvorstand hat das Hessenmodell flugs als "abschreckendes Beispiel" angeprangert. Kein Zweifel, da werden noch die Fetzen fliegen. Am Ende dürfte dann aber doch die Regierung BörnerFischer zu Werke gehen. Umstritten ist die rot grüne Koalition nicht nur bei den Alternativen. Die bürgerliche Opposition in Wiesbaden überzieht das noch nicht abgesegnete Bündnis schon jetzt mit gnadenloser Polemik. Die CDU begründete ihren Mißtrauensantrag damit, daß Holger Börner mit Extremisten paktiere, "die den Staat mit der Fallbirne zum Einsturz bringen wollten. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann prophezeit wirtschaftlichen Niedergang und Massenarbeitslosigkeit für Hessen. Im Vergleich zu dem, was sich da an ideologischem Konflikt anbahnt, mag sich der Kulturkampf der siebziger Jahre schon bald als müdes Geplänkel ausnehmen. Börners Bündnis, so hoffen die Union und die FDP, wird als Wahlschlager trefflich taugen.

"Chaos in Wiesbaden" - das befürchtet vor allem die Wirtschaft. Sprecher der Hoechst AG als größter Arbeitgeber und Steuerzahler in Hessen eine Macht aus eigenem Recht — haben angedroht, in ein Bundesland mit kommoder Regierung auszuwandern; mindestens wurden sie zunächst so verstanden. Das Unternehmen, das eben hat erleben müssen, wie drei seiner leitenden Angestellten zu rund 60 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden sind, weil sie heimlich Gift in den Main eingeleitet hatten, ist verschreckt. Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt inständig vor der "Umwelthysterie der Grünen"; kleine und mittlere Betriebe würden neue Investitionen wegen der unsicheren politischen Lage notgedrungen hinausschieben.

Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Die Drohungen sind so legitim wie - vorläufig - leer. Immerhin: Die Schüsse vor Börners Bug sitzen. Die Warnungen ziehen einer rot grünen Koalitionsregierung ziemlich enge Grenzen.

Es fallt auf, daß einzig die Gegner so tun, als sei das Bündnis von Wiesbaden ein Ereignis von historischer Bedeutung. Seine Verfechter treten eher bescheiden, fast kleinlaut auf. Lang ist es her, seitdem Willy Brandt das letzte Mal heiter provokativ von der Mehrheit diesseits der Union" sprach, die in Wiesbaden für Bonn erprobt werde. Und Holger Börner, der Architekt der neuen Allianz, hütet sich vor jedem Überschwang. Er hat es, im Guten wie im Schlechten, soweit gebracht, daß Hessen sich eher als Sonderfall darstellt, als unvermeidliches Experiment Von derzeit geringer Verbindlichkeit. Er stellt keine Weichen, schon nicht in eine andere Republik. Er verhilft bloß :n Hessen zu einem neuen Regierungserlebnis und dem Publikum zu einer bemerkenswerten Uraufführung.

Die Bundes SPD kann die hessische Premiere nicht mit gleicher Gelassenheit verfolgen. Das Stück wird zur Unzeit angesetzt, der Regieplan der Sozialdemokraten hat inzwischen Änderungen erfahren. Nicht mehr eine "Mehrheit links von der Mitte" unter Einschluß der Grünen ist das Ziel. Seit Lafontaine im Saarland und Rau in Nordrhein Westfalen den Sieg aus eigener Kraft geschafft haben, hat die SPD dies für 1987 im Visier: eine Mehrheit allein für die Sozialdemokratische Partei.

Nicht jedes Wort, das Johannes Rau derzeit landauf, landab äußert, darf gleich auf die Goldwaage gelegt werden; er ist ein Novize, der seihe Rolle als Kanzlerkandidat erst lernen muß. Doch Raus Absicht, die Grünen als Juniorpartner abzulehnen, entspricht seiner bleibenden Oberzeugung. Er umwirbt mit kühlem Kalkül die "Helmut Schmidt Klientel", wie Ralf Dahrendorf jene antiideologischen Wähler nennt, die eine aufgeklärte Marktwirtschaft ebenso uneingeschränkt befürworten wie die souveräne Handhabung der Regierungsgewalt. Die verwegene hessische Koalition fällt da aus dem Rahmen. Börner desavouiert Rau zwar nicht. Doch er liefert neue Argumente für alte Fragen: Wohin orientiert sich die SPD wirklich? Welche Marschzahl wählt sie? Wer legt die Richtung fest?