Deswegen sollte vor jedem Urteil und jedem Ruf nach Reform erst einmal das hochgesteckte Ziel revidiert werden. Der Wunsch nach dem ewigen Frieden ist uralt und wird noch lange bleiben. Die Hoffnung, die Völker könnten sich in einem alle Grenzen aufhebenden Bund zusammenfinden, hat in der Vergangenheit getrogen und wird in der Zukunft noch oft trügen. Selbst eine Weltorganisation wird daran nichts ändern können. Sie kann nicht friedlicher sein als ihre Mitglieder, die souveränen Staaten. Dies einzusehen, heißt auch, ihr daraus keinen Vorwurf zu machen.

Mit bescheidenerem Maß gemessen haben die Vereinten Nationea denn auch nicht ein "Ungenügend" als Note verdient, sondern ein "Ausreichend", zeitweise mit einem Minus, gelegentlich mit einem Plus versehen. Als jährlicher Treffpunkt und als Clearing Stelle für Ideen, Ideologien und Informationen haben sie sich trotz aller unbestreitbaren Mängel bewährt. Wo anders als in der "Schwatzbude am East River" kann ein kleiner, wirtschaftlich schwacher und militärisch bedeutungsloser Staat den Großmächten seine Meinung sagen? Wo, wenn nicht im Glaspalast, kann er anklagen und sicher sein, daß ihm wenigstens zuger hört wird? Wo sonst können die Kleinen ihre Nöte artikulieren und Bundesgenossen finden? Oder auch, der eigenen Hilflosigkeit nur zu gut bewußt, einmal Dampf ablassen? Wo schließlich erleben sie, daß die Mächtigen sich vor den Machtlosen rechtfertigen müssen?

Für den Bürger" des industriellen Nordens, der in der Flut von Informationen zu ertrinken droht, ist schwer vorstellbar, daß andere Staaten unter dem Gegenteil leiden können. Auch hier helfen die UN; rund eine Milliarde Blatt werden jährlich produziert, vervielfältigt, verteilt - nicht immer den Ansprüchen sachgerechter Objektivität genügend, daran besteht kein Zweifel, aber für viele Staaten, Gruppen, Institutionen unverzichtbare, weil einzige Grundlage.

Schließlich darf nicht unterschätzt werden, was die Unterorganisationen für die Mehrheit der 159 Mitglieder leisten, ob sie nun Unesco, Unicef, Weltgesundheitsbehörde oder Flüchtlingskommissar heißen. Wer Not nicht kennt, neigt leicht dazu, Hilfe kritisch zu betrachten, erst recht, wenn er das Geld dafür gibt und sieht, daß sein Beitrag schlecht verwaltet oder von einer unnütz großen Bürokratie aufgezehrt wird. Dann verärgert auszutreten und die Zahlungen einzustellen, ist freilich der falsche Weg. Für Verbesserungen kann nur sorgen, wer als Mitglied die dafür nötige Mehrheit sucht.

Geld dient häufig als Vorwand für fehlende Geduld. Immer neue Fensterreden, ermüdende weitschweifige Resolutionen und moralisierende Anklagen gerade solcher Staaten, die vor der eigenen Tür kehren sollten, erfordern fast übermenschlichen Langmut. Und trotzdem: Die Vereinten Nationen bewegen sich doch. Ob Regeln für die Seeschiffahrt oder die Patentvergabe, für die Behandlung politischer Flüchtlinge oder die Zivilluftfahrt irgendwann schälen sich doch die Grenzen heraus, die eine Mehrheit zu respektieren bereit ist. Oder Bescheidung setzt sich durch: Wenn schon nicht eine ganz neue Weltwirtschaftsordnung, dann vielleicht ein System, um die Schwankungen der Rohstoffpreise zu dämpfen. Auch die kleinen Nationen brauchen Zeit, jenen Realismus zu lernen, den die Großen ja immer noch diktieren. Die Vereinten Nationen als Schule oder gar Universität für Weltpolitik - das wäre nicht das schlechteste Etikett, um das sich die Weltorganisation bemühen sollte, nachdem ihr früherer Ehrgeiz, mit geliehener Macht direkt in die Politik einzugreifen, am Widerstand aller Mitglieder kläglich gescheitert ist. Anzeichen für eine solche Selbstbescheidung gibt es seit langem. Die großen Debatten finden noch immer statt, aber die Arbeit verlagert sich in die Unter- und Sonderorganisationen. Auch dort werden noch ideologische Schlachten geschlagen, Nord gegen Süd, Ost gegen West, doch die Dinge, um die man streitet, erlauben oder erzwingen Sachlichkeit. Die Weltversarnmlung nähert sich millimeterweise parlamentarischen Verhältnissen: unversöhnliche Anklagen im Bundestag, zähes Verhandeln in den Ausschüssen.

Das ist weniger, als bei ihrer Gründung erhofft, aber mehr als genug, um die Vereinten Nationen zu erhalten und bei den jetzt notwendigen Reformen tatkräftig und geduldig zu unterstützen. Generalsekretär Perez de Cueuar hat mit der gebotenen Vorsicht ja schon angekündigt, was zu tun ist: Mehr und bessere Informationen für alle; weniger (General )Debatten, Entlastung der UN von allem, was bilateral gelöst werden muß; Dezentralisierung um der besseren Effizienz willen. Die Haupt Geldgeber dürfen außerdem mehr Kontrolle über die Unterorganisationen verlangen, die weniger Politik treiben und sich verstärkt um ihre eigentlichen Aufgaben kümmern sollen, auch und gerade zum Nutzen der kleinen Staaten, die dort den Ton angeben.