Wenn in der letzten Woche unter Koalitionspolitikern das Gespräch auf das Interview von Johannes Rau kam, erschien auf ihren Gesichtern ein merkwürdiger Ausdruck: satte Zufriedenheit wie bei einer Katze, die Sahne geschleckt hat. Ein paar Tage zuvor noch hatten die Strategen der Union und der FDP mühsam darüber nachgedacht, wie sie hinter der "WischiWaschi Politik" des SPD Kanzlerkandidaten den Sozialismus und Neutralismus sichtbar machen könnten - oder jedenfalls das, was brave Bürger erschreckt. Nun hat ihnen Rau zunächst einmal die Mühe abgenommen, als er ankündigte, er wolle alle sozialen Kürzungen ebenso wie den Nato Doppelbeschluß rückgängig machen.

In den Bundestagsdebatten ließen die Redner der Koalition keine Gelegenheit aus (und schreckten auch vor keiner Assoziation zurück), um den schrecklichen Johannes vorzuführen. Dies wird ein Pflichtritual für die Koalition bleiben, auch wenn Rau inzwischen seine Sätze korrigiert hat "Davon kommt er bis zur Bundestagswahl nicht mehr herunter", versprach fröhlich ein Christdemokrat.

Genußvoll zitierten Ünionspolitiker und Freie Demokraten aus einem Brief des Düsseldorfer Finanzministers Posser, in dem die Risiken der nordrhein westfälischen Verschuldungspolitik drastisch darr gestellt worden waren. Ob nicht Herr Posser der solidere Kanzlerkandidat für die SPD wäre", fragte Kohl.

Trotz Streit um die Deutschlandpolitik und erkennbarer Meinungsverschiedenheiten um Waffenexport und SDI - die Koalition hat die letzte Woche überraschend gut überstanden, nicht nur wegen Rau.

Mit einer gewaltigen PR Welle wurden die neuen Daten der Wirtschaftspolitik verbreitet, die "Trendwende an der Beschäftigungsfront" gefeiert: "Wir haben es geschafft "

Die Aktionswoche der Gewerkschaften wurde fast zugedeckt. Das neue Gutachten des Sachverständigenrats läßt die Koalition hoffen, daß der Konjunkturaufschwung noch bis zu den Wahlen anhält. In Hessen haben sich doch tatsächlich Sozialdemokraten und Grüne zum Chaos Bündnis verabredet. Und die Welt sieht fast so aus, wie sie Koalitionsstrategen für die Wahl ausmalen.

Was bleibt da noch für die Opposition? "Miesmache", "Kulturpessimismus", die Rolle jener Bedauernswerten, "die gegen einen positiven Trend anagitieren" (Stoltenberg).