A llein um einmal einen Blick auf das Evange% liar Heinrichs des Löwen werfen zu könJLnen, lohnt sich ein Besuch der im 900 Jahre alten Braunschweig veranstalteten Landesausstellung "Stadt im Wandel - Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150 1650". Dabei ist die um 1185 von Heinrich dem Löwen und seiner Frau Mathilde von England in Auftrag gegebene Prachthandschrift, um die es in den letzten Jahrzehnten allerlei Gerüchte und Gerede gab, bis sie vor zwei Jahren für die Bundesrepublik Deutschland ersteigert wurde, zwar eines der berühmtesten und wertvollsten, aber doch nur eines von eintausendeinhundert Ausstellungsstücken. Um sie alle zu sehen und gar noch das Wichtigste über sie zu lesen (nicht ausführlich in dem vierbändigen Katalog, der mit seinen 2666 Seiten sieben Kilo wiegt und 141 Mark kostet, sondern allenfalls im 168 Seiten knappen "Kurzführer" oder nur auf den bedauerlich klein gedruckten Schrifttafeln), reicht ein Ausstellungstag (10 bis 19 Uhr, täglich, bis 24. November) nicht aus. Und wer noch die einführende "Multivision" und verschiedene Tonbildschauen ansehen möchte, für den ist selbst der längere Freitag (10 bis 22 Uhr) nicht lang genug. Allzu hastig müßte durch die vielen Räume des Vieweg Hauses geeilt werden, über vier, mit dem Kinder- und Jugendprogramm sogar über fünf Stockwerke, dann durch die gegenüberliegende Burg Dankwarderode (wo vor allem kirchliche Kunst gezeigt wird und im Obergeschoß eine Photodokumentation zum 19 und 20. Jahrhundert unter dem Motto "Alte Stadt - Moderne Zeiten", für die es einen Extrakatalog gibt), dann nach nebenan in den Dom (für den Heinrich das Evangeliar bestimmt hatte) und schließlich noch ins Altstadtrathaus zu der ergänzenden Ausstellung "Braunschweig - das Bild der Stadt in 900 Jahren".

Aber niemand sollte sich gedrängt fühlen (schon gar nicht wegen des Eintritts von 8 Mark; für Schüler, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose, Senioren die Hälfte), unbedingt alles sehen zu müssen. Es ist einfach zu viel, und andererseits bleibt ja immer noch eine Auswahl, die bei aller Sorgfalt auch Zufälliges nicht ausschließen konnte. Umfang und Vielseitigkeit lassen an die Berliner Preußen Ausstellung von 1981 denken, mit der eine Reihe von Großausstellungen begann, die hier fortgeführt wird, jedoch unter ganz anderen Aspekten und mit anderen Absichten und vor allem mit einer für Ausstellungen ungewöhnlichen Thematik:

"Diese Ausstellung handelt vom Bürger und seiner Stadt", schreibt Cord Meckseper, der Herausgeber der Katalog- und Aufsatzbände; "sie schließt an die vergangene Folge von Großausstellungen zur deutschen und europäischen Geschichte anderer Bundesländer an, gewinnt aber ihre besondere Legitimation dadurch, daß sie erstmals eine Lebenswelt vor Augen führt, der wir Heutigen weitgehend unser Selbstyerständnis verdanken: die des Bürgertums. Statt Geschichte und Bedeutung einer Dynastenfamilie stehen die Ursprünge und der erste geschichtliche Höhepunkt einer für unsere Gegenwart grundleigenden Schicht der Gesamtbeyölkerung im Mittelpunkt. Sie ist für unser politisches und kulturelles Bewußtsein prägend geworden: Wir alle sind Bürger unseres Staates und nehmen es als selbstverständlich hin, daß Gleichheit vor dem Gesetz zu unseren Grundrechten gehört und daß wir alle im Rahmen einer demokratischen Verfassung an der Wahl von Parlamenten in Gemeinde und Staat beteiligt sind". Es geht also auch, ja vor allem darum, "in einer historischen Ausstellung das politische und kulturelle Selbstverständnis der eigenen Gegenwart zu reflektieren".

Die Ausstellung, initiiert und getragen vom Land Niedersachsen und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehend, wurde von sehr vielen Experten und Wissenschaftlern über fünf Jahre hin vorbereitet. Die Idee zu einer großen Städteausstellung über Norddeutschland war bereits 197879 aufgekommen und hatte bald zu der Überzeugung geführt, daß der nordwestdeutsche Raum "zweifellos eine Städtelandschaft eigener Prägung" sei: "Fränkische Gründungen von Missionszentren und Bischofssitzen gaben ihm eine erste, zielstrebig auf großräumige Zusammenhänge hin orientierte Gliederung".

Dargestellt wird das an den Stadtgeschichten von Braunschweig, Emden, Göttingen, Goslar, Hildesheim, Lüneburg und Osnabrück, die man für exemplarisch hält. Unter Heinrich dem Löwen (1129 1195) wurde der weitere altsächsische Raum Ausgangsbereich einer machtvoll expansiven Städtepolitik. Das ist der eigentliche Auftakt des Ausstellungsthemas, dessen zeitliche Eingrenzung - so wieder Meckseper - zwischen 1150 und 1650 liegt, "als der Anfangsphase städtisch bürgerlicher Autonomie einerseits, der Reformation und dem weitgehenden Rückgang städtischer Autonomie nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 1648) andererseits".

Nun ist aber gerade diese Zeit vom Hochübers Spätmittelalter zur frühen Neuzeit so überladen mit Spannungen, Gegensätzen, Umbrüchen, so voller Weltuntergangsangst, Unsicherheit und gleichzeitigem Mut zu Neubeginn, daß dies alles schwerlich auf einen Nenner gebracht, ja, selbst in einer solchen Superausstelhmg überhaupt alles berücksichtigt werden könnte. Der damals an den Universitäten gelehrte Teufels- und Dämonenglaube, einer der folgenschwersten Irrtümer in der Menschheitsgeschichte, der im 14, 15, 16, 17. Jahrhundert zur Verfolgung und Vernichtung Hunderttausender "Hexen" und "Hexer" führte, hätte ein wichtiges Thema sein müssen. Er beherrschte die Philosophie, die Theologie, die Juristerei, ja das gesamte Denken, auch noch der Humanisten und der Reformatoren. In der Ausstellung wird das nicht berücksichtigt.

Zu kurz (und zu einseitig eingeordnet in den Bereich "Frömmigkeit und Bildung") kommen die Juden und ihr Einfluß auf vielen Gebieten. Judenvertreibungen und Pogrome werden nur eben erwähnt. Das bleibt nicht ohne Folgen: In den "Arbeitsmaterialien" zu dieser Ausstellung, die für den Unterricht in Allgemeinbildenden und Berufsbildenden Schulen "von einem geschichtskundlichen Arbeitskreis Braunschweiger Lehrer erstellt" wurden, kommen Juden nicht vor!