Hosni Mubarak hatte es vorgezogen, seinen Amtssitz durch die Hintertür zu verlassen. Vor dem Haupteingang des Uruba Palastes warteten Journalisten auf ihn, um den ägyptischen Präsidenten zu fragen, ob er denn die Einschätzung seines Gesprächspartners teile: daß es nämlich gelungen sei, die ägyptisch amerikanischen Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. John C. Whitehead, stellvertretender amerikanischer Außenminister, hatte soeben in einer - offenbar schon vor seinem Gespräch mit Mubarak vorbereiteten - Erklärung mitgeteilt, seine fast zweistündige Unterredung mit Präsident Mubarak sei ein "guter erster Schott zur Verbesserung unserer Beziehungen" gewesen.

In seinem persönlichen Schreiben an den ägyptischen Präsidenten habe Ronald Reagan, so berichtete Whitehead, das Verhältnis zwischen Washington und Kairo als "vital" und "wichtig" bezeichnet. Der Vorfall vom 10. Oktober sei nicht gegen Ägypten und das ägyptische Volk gerichtet gewesen, dem alle Amerikaner ihren tiefsten Respekt entgegenbrächten.

Die Goodwill Mission des am Nil weitgehend unbekannten Amerikaners hat die tiefe Verstimmung in Ägypten indessen nicht aus der Welt schaffen können. Der Stellvertreter von George Shultz wurde vom ägyptischen Präsidenten erst zwei Tage nach seiner Ankunft in Kairo empfanren, auch wenn Hosni Mubarak, arabisch verbindlich, wissen ließ, es sei nicht seine Absicht gevesen, Mister Whitehead warten zu lassen; jedoch hätten seine Terminverpflichtungen am Wochenende Vorrang gehabt. Harsche Worte Mubaraks und beißende Leitartikel in der staatlich kontrollierten Presse am Nil hatten über Tage hinweg ohnehin die vorhandenen antiamerikanischen Ressentiments geweckt. Tagelang protestierten die Studenten an den Kairoer Universitäten, mußte die Polizei Tränengas und Schlagstöcke einsetzen. Die Demonstranten verbrannten israelische und amerikanische Flaggen, forderten den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Israel und den Vereinigten Staaten und schmähten auch ihren eigenen Präsidenten, Hosni Mubarak.

Innenminister Rushdy wurde es am Tage der Ankunft Whiteheads zu bunt: Kundgebungen dieser Art könnten nicht mehr geduldet werden, so sehr die Regierung auch Verständnis für die Anliegen der Studenten habe, proklamierte er. Die Regierung behalte es sich ab sofort selbst vor, dem Protest der Ägypter Ausdruck zu verleihen. Nur Stunden später schlugen Flammen aus einem Gebäude der Ain Shams Universität in der ägyptischen Hauptstadt, feuerte Bereitschaftspolizei Tränengas gegen den Campus, auf dem sich nach offiziellen Angaben 15 000 Studenten zum Protestmarsch durch die Straßen rüsteten.

Mehr noch als der eigentliche Angriff der Israelis am 1. Oktober auf die PLO Kommandozentra1 bei Tunis enttäuschte und erzürnte die arabische 7elt die erste Bemerkung des amerikanischen Präsidenten, dies sei ein "legitimer Akt von Selbstverteidigung" gewesen. Als dann kurz darauf die ägyptische Verkehrsmaschine mit den vier Entführern der Achills Lauro von amerikanischen Kriegsflugzeugen abgefangen wurde, war es mit der Geduld der Ägypter vorbei.

Präsident Mubarak, der zuvor in eine peinliche Situation geraten war, da er erklärte, die Entführer befänden sich längst außer Landes, während sie erst Stunden später ausgeflogen wurden, nutzte die Gelegenheit zur Selbstdarstellung und zu scharfer Kritik an den Amerikanern. Ein "übler Akt von Luftpiraterie" sei das gewesen, den man van Freunden nicht erwartet habe, ein Vorfall, der den nationalen Stolz Ägyptens zutiefst getroffen habe und der lange nicht vergessen werden könne. Washington müsse sich offiziell entschuldigen, schimpfte der sonst stets beherrschte ägyptische Präsident.

Gerüchte, es müsse da eine amerikanisch ägyptische Absprache gegeben haben - ohne eine solche sei es unmöglich gewesen, die ägyptische Boeing zu später Abendstunde auf dem Flug nach Tunesien abzufangen, halten sich hartnäckig in Kairo. Dagegen spricht die ungewöhnliche Empörung Hosni Mubaraks, der es sich schon innenpolitisch nicht leisten kann, als Handlanger Washingtons bezeichnet zu werden. Die Parolen, die bei den Demonstrationen der vergangenen Tage laut wurden, geben zu denken. Denn sie richteten sich längst nicht mehr nur gegen die Amerikaner und Israelis, sondern auch gegen den eigenen Präsidenten: "Mubarak - Feigling - US Agent riefen die Studenten. Sie wurden vor allem zu Beginn der Kundgebungen von politischer Prominenz der Opposition unterstützt. Die Demonstranten können aufdie Sympathien vieler religiös motivierter, gläubiger Muslime zählen, aber auch auf die religiös politischen Extremisten, denen die wachsende Abhängigkeit ihres Landes von Washington lange schon ein Dorn im Auge ist.