Mit Staunen betrachtet Italien in diesen Tagen, wie sich Ronald Reagan bemüht, einem Freund auf die Beine zu helfen, dessen Sturz er gerade erst selbst gefördert hatte: Bettino Craxi. Der italienische Regierungschef, vom amerikanischen Großen Bruder des ungehörigen Betragens im Acbitte Lauro Drama bezichtigt, vom republikanischen Koalitionspartner verlassen, doch sogar von der kommunistischen Opposition belobigt, erklärte vorige Woche seinen Rücktritt. Demonstrativ verzichtete er auf die Reise nach New York zur großen Bündnisberatung. Doch es genügte ein Brief aus dem Weißen Haus an den "lieben Bettino", um Craxi wieder reisewillig zu stimmen und der Regierungskrise in Rom jene Aussicht zu verschaffen, die in Italien allemal nicht die schlechteste ist: die alte Regierung als neue.

Dazu gehört diesmal freilich auch bisher selten erprobtes Selbstgefühl. Nicht die Regierung in Rom hat nach Tagen gegenseitiger Vorwürfe eingelenkt, sondern in Washington entschloß man sich offenkundig zum Szenenwechsel. Viele große Akteure habe er in seinem Leben gesehen, rief der alte Frank Sinatra vergangenes Wochenende Ronald Reagan zu, der wider Erwarten zu einem italo amerikanischen Versöhnungsball im "Hilton" der Hauptstadt erschien - "aber den schönsten Auftritt habe ich von Ihnen, Herr Präsident, erlebt, als Sie auf das Verlangen, die amerikanische Regierung solle sich entschuldigen, mit niemals antworteten". Ganz rückte Reagan von dieser Pose auch im Brief an Craxi nicht ab, doch er beteuerte jetzt, trotz der "offenherzig und freundschaftlich" ausgetragenen Differenzen habe er an Italiens "Festigkeit gegenüber dem internationalen Terrorismus, niemals gezweifelt".

Wirklich? In Rom hatte der Präsident tagelang jedenfalls den gegenteiligen Eindruck erweckt und zugleich eine Welle nationaler Gefühle erzeugt, die selbst bei den unerschütterlichsten Amerikafreunden vergessene Komplexe aufrührten: Schließlich sei die Apennin Halbinsel eben nur die "Provinz eines Imperiums" - zum Glück nicht des sowjetischen; man habe ohnehin stets geahnt, daß Italien das "Bulgarien des Westens" sei - aber wozu dies so unfein ins Bewußtsein bringen? Sogar vor grotesken Vergleichen schreckte man nicht zurück: Auch Hitler habe 1939 seinen Verbündeten Mussolini erst im letzten Augenblick vom Angriffsbeginn informiert Hat Craxi in jener Nacht, als amerikanische Jäger das ägyptische Flugzeug mit den Achille Lauro Terronsten zur Landung in Sizilien zwangen, die "nationale Ehre" gerettet oder hat er nur das Bündnis auf Spiel gesetzt, indem er amerikanischen Forderungen widerstand? Der sozialistische Ministerpräsident, der 26 Monate, länger als alle seine Vorgänger (außer Moro), regierte, war nicht nur seinen Gegnern, sondern auch seinen Koalitionsfreunden seit langem durch allzu selbstbewußten (manche gifteten: selbstherrlichen) Regierungsstil lästig geworden. Boshafte Karikaturisten steckten ihn sogar ins Schwarzhemd eines Möchtegern Duce.

Die Klage, er lasse es an kollegialem Umgang auch mit Kabinettsmitgliedern fehlen, war also nicht neu, als Verteidigungsminister Spadolini sie jetzt erhob und zum äußeren Anlaß der Regierungskrise machte. Als Craxi nun aber darauf Destand, nicht einfach sang- und klanglos abzutreten, sondern mit seiner ganzen scheinbar unerschütterlichen Selbstgewißheit vors Parlament zu treten, da machte er nicht nur eine gute Figur, sondern zeigte ein Format, das ihm keiner seiner Kritiker zugetraut hätte. Konkret, kühl und fast ohne die landesübliche Rhetorik schilderte er, wie die Regierung behandelt wurde und wie sie gehand_elt hat - "nach unserem Gewissen, unserer Politik, unseren Gesetzen". Das Bild, das sich - auch aus ergänzenden Informationen - ergibt, läßt gewiß viel prozeduralen Wirrwarr erkennen, doch hinter den "Mißverständnissen" auch jene Portion von Mißachtung, die nicht erst ein Italiener namens Machiavelli den Mächtigen gegenüber der Ohnmacht empfahl.

In der Nacht zum 11. Oktober, kurz vor Mitternacht, wurde Craxi durch einen Telephonanruf aus dem Weißen Haus von der Entführung der ägyptischen Maschine mit den Terroristen informiert und erlaubte die Landung auf dem NatoFlugplatz Sigonella in Sizilien. Erst dann erfuhr er durch Rückfragen bei Außenminister Andreotti, daß diesen schon eine halbe Stunde vorher der ägyptische Botschafter Bitar um Landeerlaubnis auf dem Zivilflughafen in Rom gebeten hatte was normal gewesen wäre. Zu spät. Rings um das ägyptische Flugzeug standen sich Italiener und Amerikaner bewaffnet gegenüber. Die US Soldaten der Delta Force beriefen sich auf strikte Befehle, die Terroristen und ihre beiden palästinensischen Begleiter (einer war Abul Abbas) aus der Maschine zu holen und nach Amerika zu bringen. Die Italiener beriefen sich dagegen auf ihre Hoheitsrechte.

Craxi blieb dabei auch nach einem zweiten Anruf aus Washington. Dort meinte man nun, hinter Craxis Rücken und mitten in der Nacht die anderen Drähte nach Italien nutzen zu können: Verteidigungsminister Weinberger weckte und alarmierte seinen Kollegen Spadolini, Shultz den Außenminister Andreotti, Edwin Meese den italienischen Innenminister und der CIA Chef den Abwehrchef in Rom.

Die Ägypter lieferten inzwischen zwar die vier Terroristen den Behörden Italiens aus, wiesen aber in einer Note darauf hin, daß ihr Flugzeug als Sondermaschine der Regierung exterritorialen Status genieße, von zehn bewaffneten Kairoer Geheimpolizisten notfalls verteidigt würde und daß einer der Insassen, ein ägyptischer Diplomat, den Auftrag Präsident Mubaraks habe, die beiden Palästinenser (von denen Abul Abbas einen Diplomatenpaß des Irak besaß) als Regierungsgäste in Sicherheit zu bringen. Nur Craxis diplomatischer Berater Badini durfte in Sigonella die ägyptische Maschine besteigen und mit dem Palästinenser reden, der "zum politischen Gespräch", doch nicht zum Verhör bereit war. Nur bis 1983, als sich seine "Befreiungsfrpnt" (PLF) gespalten habe, sei er der Chef der vier Terroristen gewesen, erklärte Abbas und pochte darauf, er allein habe sie zum Aufgeben überredet. Die Vereinigten Staaten verlangten seine Auslieferung. Badini: "Wir harten dafür nicht die geringste juristische Basis " Eine solche kam auch nicht zum Vorschein, als der amerikanische Botschafter Rabb am 12. Oktober, früh um halb sechs, in Rom eine dreiseitige Note überreichte. In der Nacht vorher war das ägyptische Flugzeug von Sizilien nach Rom geflogen, begleitet von italienischen Jägern - "zum Schutz", sagte Craxi und berichtete, daß drei Minuten später von Sigonella "ohne Genehmigung" ein amerikanisches Militärflugzeug startete, der ägyptischen Boeing folgte, und auf Funkanfragen der italienischen Begleitjäger zuerst nicht antwortete, dann - als die Nähe gefährlich wurde - "von diesen verlangte, sich zu entfernen". So umschrieb Craxi delikat, was sich laut Ohrenzeugen im Landseroriginalton so angehört haben soll: "Haut ab, ihr Hurensöhne, dieses Flugzeug (das ägyptische) ist meines "