Sein Haupt glich dem der Medusa. Schlangen gleich wanden sich Kabel vom Kopf des Astronauten. Das Haupthaar war stellenweise abrasiert, damit die acht verschiedenen Elektroden besser auf der Haut befestigt werden konnten. Unter den Saugplättchen wuchs freilich das Haar nach und verursachte einen höllischen Juckreiz. Solche Qualen plagten Ulf Merbold, als er, der erste Astronaut der Bundesrepublik, im November 1983 im Weltraum Schlaf zu finden suchte. Damals war er an Bord der amerikanischen Raumfähre "Columbia" in eine sargähnliche Koje gekrochen und dort in einen Schlafsack geschlüpft. Dann harrte er auf den Schlaf, der nicht kommen wollte im schwerelosen Schwebezustand. Bettschwere konnte Merbold allenfalls simulieren, wenn er seinen Schlafsack mit Druckknöpfen an der Innenseite des "Sargdeckels" befestigte. Dieses Mal, beim zweiten Flug westdeutscher Astronauten und der zugleich ersten voll von der Bundesrepublik bezahlten bemannten Weltraummission "Deutschland 1" (D l), sollen unsere Männer im All besser ruhen. Am kommenden Mittwoch, dem 30. Oktober, wird die Raumfähre "Challenger" - falls alles klappt - vom KennedyRaumfahrtzentrum abheben. Sie soll gleich acht Besatzungsmitglieder - mehr als je zuvor bei einem einzigen Raumflug - in den Himmel heben: fünf Amerikaner, darunter die "Missionsspezialistin" Bonnie Dunbar, die beiden deutschen Wissenschaftsastronauten Reinhard Furrer und Ernst Messerschmid sowie Wubbo Ockels aus den Niederlanden.

Die drei Europäer sollen das in Bremen gebaute Raumlabor ("Spacelab") bemannen. Und sie werden nach ihrem vollgepackten Tagesprogramm herausfinden, ob Wubbo Ockels Erfindung die Nachtruhe im All tatsächlich angenehmer macht: Der Holländer hatte die Idee, am Schlafsack aufblasbare Luftschläuche anzubringen, so daß ein müder Astronaut dank des leichten Druckes auf dem Körper vielleicht besser (ein techläft "Die dadurch ausgelöste Stimulierung der Mechanorezeptoren in der Haut", erläutert ein Informationsblatt der Europäischen Weltraumagentur ESA mit wissenschaftschinesischem Akzent, "geben dem Astronauten das Gefühl, sich in einem erdähnlicheren Milieu zu befinden "

Natürlich ist die Befindlichkeit der Raumflieger in ihrem Himmelsbett nicht das wichtigste Ziel des bislang aufwendigsten Versuchs der Bundesrepublik, den Nutzen der Schwerelosigkeit für Wissenschaft und Technik auszuloten. Für insgesamt 402 Millionen Mark Experimentier- und Flugkosten darf die Nation mehr erwarten (die Amerikaner hatten das fast zweieinhalb Milliarden Mark teure Raumlabor nach dem ersten und einzigen freien Flug im November und Dezember 1983 quasi geschenkt bekommen; die Bundesrepublik hatte gut 1200 Millionen Mark der Baukosten bezahlt). Immerhin 45 der 76 geplanten Versuche an Bord von Spacelab stammen von deutschen Experimentatoren. Beteiligt sind Forscher von einem Dutzend Universitäten und Technischen Hochschulen, aus Instituten der Deutschen Forschungsund Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) sowie der Max Planck Gesellschaft und auch von Industriefirmen wie Krupp, MAN oder Standard Elektrik Lorenz.

Bonn signalisiert mit dem Flug, daß die Bundesrepublik das bemannte europäische Weltraumlabor weiter benutzen will. Das wissenschaftspoli tisch umstrittene Labor (siehe ZEIT Nr. 491983) hatte beim Erstflug vor knapp zwei Jahren die Erwartungen seiner Erbauer und Betreiber nach deren Angaben voll befriedigt.

Spacelab kann nicht selbst frei im Raum fliegen. Es ist immer an die amerikanische Raumfähre gebunden, für deren großen Laderaum es maßgeschneidert wurde. Das Labor besteht aus einer geschlossenen, bemannten Kabine, in der die Astronauten hemdsärmelig hantieren können, sowie einer zum Weltraum offenen Plattform (die "Palette", siehe Zeichnung). Auf der Palette sind Teleskope und andere wissenschaftliche Geräte montiert, die sich von der Kabine aus fernbedienen lassen. Kabine und Plattform bleiben während des einwöchigen Fluges in 324 Kilometer Höhe im Laderaum der "Challenger" fest verankert.

Schwerpunkt der Spacelab Experimente sind, wie schon beim Erstflug, Werkstoffversuche unter nahezu schwerelosen Bedingungen. Gerne verweisen die Raumlabor Benutzer auf das Lob ihrer amerikanischen Kollegen, wonach die Deutschen bei der Werkstofforschung im Weltraum die Spitzenposition einnähmen. Vor zwei Jahren überwachte Ulf Merbold im Raumlabor Versuche, die von Fachleuten teilweise als bahnbrechend bezeichnet wurden - etwa Silizium Phosphor Mischungen, die für die Herstellung von Transistoren und Halbleitern von großem Interesse sind, oder große Einkristalle von Eiweißmolekülen, die im menschlichen Körper natürlicherweise vorkommen, sich aber am Erdboden nicht als Kristalle züchten lassen (solche Einkristalle sind zur Erforschung des molekularen Aufbaus der Eiweißstoffe nötig).

Inzwischen folgen auch amerikanische Experimentatoren dem deutschen Beispiel. Sie entwikkeln bereits automatische Geräte, mit denen Hunderte - und später Tausende - von körpereigenen Eiweißstoffen untersucht werden sollen. Die Forscher treibt die Hoffnung, erstmals die Wirkung von Medikamenten in allen molekularen Details enträtseln zu können. Aus solchen Kenntnissen könnten einmal neuartige, gezielter einsetzbare und deshalb nebenwirkungsärmere Medikamente entwickelt werden.