Daß die Graphik der "Brücke" das Herzstück ihrer Kunst bildet, ist oft gesagt worden. Nirgends tritt die Kraft ihres Ausdrucks unvermittelter zutage als in den graphischen Blättern, vor allem den Holzschnitten. In der gegenwärtigen Situation, wo nach der Malerei auch die Plastik der "Brücke" wieder aufgegriffen wurde, nimmt es fast wunder, daß die Holzstöcke dieser Künstler unbeachtet geblieben sind. Nun aber stellt das "Brücke Museum" in zwei aufeinander folgenden Ausstellungen die Hälfte der 207 Holzstöcke vor, die Karl Schmidt Rottluff 1975 dem Museum übergeben hat, und die ihrerseits die Hälfte seines Holzschnittwerkes ausmachen, die den Krieg überstanden hat. Der Vergleich zwischen den Holzstöcken und den Abzügen, die von jedem Stock neu angefertigt wurden, läßt die eigene Qualität der Stöcke geradezu fühlbar hervortreten. Wo in der Graphik allein das Weiß des Nicht Drucks leuchtet, zeigen die Stöcke das Relief ihrer Bearbeitung, die eigentliche Handschrift des Künstlers. Schmidt Rottluff hat zuweilen - und auch das gehört zu den Korrekturen, die am bisherigen (Euvreverzeichnis der Graphiken vorzunehmen sind - die Grenze zwischen dem Holzstock als bloßem Druckträger und als autonomen Kunstwerk bewußt überschritten, indem er das Holz im Umriß des Bildmotivs ausgesägt hat, so bei den Köpfen der "Mutter" und des "Moses". Gerade bei den frühesten, zum Teil ungedruckt (und somit unbekannt) gebliebenen Stöcken von 19051906 ist der Unterschied zwischen dem bearbeiteten Holz und dem Papierabzug so stark, daß der Ausstellungstitel mit Recht vom "Holzstock als Künstwerk" spricht, als einem eigenständigen Medium also zwischen Bild und Plastik. (Brücke Museum TeÜ I bis 24. 11, Teü II1. 12 bis 19. 1. 1986, Katalog 35 - DM) Bernhard Schulz