So fröhlich und ausdauernd war in den Hallen des Betonbaus an der Heisenbergstraße lange nicht mehr gefeiert worden. Das Fernsehen war mit dabei, so daß der Jubel über den Nobelpreis für ein paar Minuten auch in die Wohnzimmer der Nation dringen konnte. Die meisten, die dort die Nachricht vernahmen, hatten bis dato noch nie etwas vom Max Planck Institut für Festkörperforschung in Stuttgart Büsnau gehört, geschweige denn von dessen Direktoriumsmitglied Klaus von Klitzing, der da, nobelpreisgekrönt, im Rampenlicht saß und sich sichtlich über die ihm zuteil gewordene Ehrung freute.

Zweiundzwanzig Jahre, so hieß es in jedem Kommentar über das frohe Ereignis, habe es gedauert, bis endlich wieder einmal der Physik Nobelpreis einem deutschen Forscher zugesprochen wurde. Etwas wie Erleichterung schwang dabei mit - endlich ist eine Durststrecke überwunden. Immerhin war es ein Deutscher, Wilhelm Conrad Röntgen, der - im Jahre 1901 - als erster mit diesem Vermächtnis des schwedischen Dynamit Erfinders bedacht wurde, und in den folgenden dreißig Jahren hatten es die deutschen Physiker auf elf Nobelpreise gebracht, mehr als jede ändere Nation in diesem Zeitraum.

Mit Hitlers Machtübernahme jedoch riß die schmuckvolle Kette der deutschen Physiklaureaten ab - ein Abbild des Niedergangs der physikalischen Forschung im Dritten Reich. Beschleunigt hatten ihn ausgerechnet zwei der Ausgezeichneten, die Physiker Philipp Lenard und Johannes Stark. Sie hatten immer schon die Relativitätstheorie als entartete Wissenschaft diffamiert; bei den Nazis fanden sie nun Gehör. Bald mußten die besten Forscher ihres Fachs das Land verlassen. Nach dem Krieg war in der Bundesrepublik vom Preisregen allenfalls ein Tröpflein zu spüren; während in den Jahren 1945 bis heute 39 amerikanische Physiker mit Nobellorbeer bekränzt wurden, waren es hierzulande ganze vier. In acht Wochen wird nun Klaus von Klitzing den Physik Nobelpreis aus der Hand des schwedischen Königs entgegennehmen, endlich wieder ein Deutscher. Sind wir jetzt endlich wieder wer in der Physik?

In Wahrheit ist die Gleichung zwischen der Anzahl von Nobelpreisträgern und dem wissenschaftlichen Stand einer Nation eine törichte Irreführung. Längst hat sich in den Vorschlagslisten bei der schwe_dischen Akademie ein erheblicher Stau preiswürdiger Kandidaten gebildet, deren Leistungen auf höchst unterschiedlichen Spezialgebieten mangels tauglicher Kriterien nicht gegeneinander abzuwägen sind. Darum haben sie als gleichwertig zu gelten. Wo jedoch von einer Menge gleichwertiger Dinge eines herausgegriffen wird, kommt nicht mehr als eine Zufallsauswahl heraus. Sie aber ist als verläßliches Maß völlig ungeeignet.

Abzulesen also ist an dem erfreulichen Ereignis vom vorigen Mittwoch über den Stand der bundesdeutschen Physik nichts. Wohl aber könnte die unter allen Fachleuten der Welt uneingeschränkt als "verdient" eingestufte Ehrung des Doktor Klaus von Klitzing einen segensreichen Einfluß auf die Qualität der naturwissenschaftlichen Forschung haben. Nötig hätte sie es allemal.

Der bescheidene, von Forschungsleidenschaft geradezu besessene Physikpreisträger wurde in der Nähe von Posen, wo seine Familie seit acht JahrHunderten beheimatet war, vor 42 Jahren geboren. Aufgewachsen ist er nach der Flucht seiner Eltern im Öldenburgischen. Schon während seiner Schulzeit im Artland Gymnasium zu Quakenbrück war er durch seine vorzüglichen Mathematikleistungen aufgefallen, und Mathematik wollte er nach seinem glänzenden Abitur auf ein wissenschaftliches Gebiet anwenden. Physik ergab sich da ganz zwangsläufig. Er studierte sie in Braunschweig an der Technischen Hochschule, später, nach dem "sehr guten" Diplom, weiter in Würzburg. Hier begegnete er dem Gelehrten, der seine Neugier auf dem Gebiet der Halbleiterforschung entzündet hat, Gottfried Landwehr, Direktor des Physikalischen Instituts an der Universität. Er promovierte seinen begabten Schüler mit der Note "Ausgezeichnet", habilitierte ihn und verhalf ihm zum "Heisenberg Stipendium".

Über dieses zumeist zweijährige Stipendium für hervorragende Wissenschaftler wird unter Akademikern viel diskutiert. Eingerichtet wurde es, nachdem die in den siebziger Jahren über die Hochschulen hereinbrechende Professorenflut auf Jahrzehnte hinaus die Planstellen der Fachbereiche verstopfte. Ein Puffer, eine Warteschleife für Hochbegabte sollte das Stipendium sein, Gelegenheit zur Forschung ohne finanzielle Sorgen. Kritisiert wird diese Einrichtung einer urdeutschen Grundeinstellung wegen, die der Kollege Klitzings im Direktorium des Max Planck Instituts, HansJoachim Queisser, "VollkaskomentaUtät" getauft hat. Am Ende ihrer sorgenfreien Zeit werden die Heisenberg Stipendiaten ohne Garantie für berufliches Weiterkommen ins rauhe Leben entlassen. Just dieses Risiko mag ein geradezu forschungsförderndes Ingredienz des Heisenberg Stipendiums sein. Denn darauf einlassen werden sich nur Jungforscher mit starkem Vertrauen auf den eigenen Erfolg. Der eher schüchtern wirkende Klaus von Klitzing hatte dieses Selbstvertrauen und konnte sich darum in den beiden Jahren 1978 bis 1980 unbeschwert auf seine Forschung konzentrieren. Sie führte zu der Entdeckung des nunmehr mit de m Nobelpreis belohnten Quantenhalleffekts, auch von Klitzing Effekt genannt. Dieses außerordentlich komplizierte Phänomen wird im Wissenschaftsteil der ZEIT (S. 95) erläutert. Ein einzelner Erfolg genügt natürlich nicht, um daraus eine Kausalbeziehung zu konstruieren , Wohl aber regt er zu der Frage an, ob ähnlich wie im Wirtschaftsleben das Risiko den Forscherfleiß beflügelt. Umgekehrt gefragt: Hat allzu viel Sicherheit in unserem Wissenschaftsbetrieb die Forschung gelähmt?