Der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Christian Lochte, sagt seinen Kollegen häufig: "Wenn es die taz nicht gäbe, müßten wir sie gründen SPD Bundesgeschäftsführer Peter Glotz liest sie, weil er "beim Frühstück ein Gegengift zur FAZ" braucht. Und der Zukunftsforscher Robert Jungk findet: "Sie ist origineller gemacht - die anderen sind dagegen eine Einheitsund Einheiz Presse "

Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, werden sich Verfassungsschützer Lochte und seine Mitarbeiter bald an die Gründung einer neuen linken Tageszeitung machen müssen - damit Sozialdemokrat Glotz weiterhin sein Gegengift zur Robert Jungk nicht von der Einheiz Presse abhängig wird. Die Berliner Tageszeitung, die taz, hat es nicht mehr weit zum Bankrott.

Nach sechseinhalb Jahren steten Tänzeins vor dem Abgrund bringt sie heute alltäglich 36 000 Exemplare an den Leser, darunter 21 000 Abonnements - mit sinkender Tendenz. Verglichen mit den anderen überregionalen Tagesblättern ist die Auflage lächerlich: die Süddeutsche Zeitung bringt es auf 353 000 Exemplare, die Frankfurter Allgedie Frankfurter Rundschau 190 000. Wenn die taz es mit einer letzten Kraftanstrengung nicht schafft, bis zum Jahresende 25 000 neue Abonnenten zuzugewinnen, so drohte sie in eigener Sache dem treuen Leser letzte Woche, wird sie eingestellt: "Sie wird einfach nicht mehr da sein "

Ein kleines Wunder für sich ist es allein schon, daß sie sechseinhalb Jahre da war. Kein großer Pressekonzern hat bei ihrer Gründung im Frühjahr 1979 Pate gestanden - nein, Tausende kleiner Mäzene haben mit Kommanditisteneinlagen, Spenden und Voraus Abos damals die nötigen Mittel aufgebracht (wobei sich das Berlin Förderungsgesetz, mit seinen Segnungen für neu in Berlin angesiedelte Unternehmen, als recht förderlich erwies), Möglich war ihr Erscheinen bis auf den heutigen Tag freilich nur, weil die Mitarbeiter eine beträchtliche Bereitschaft zur Selbstausbeutung als journalistisches Handwerkszeug mitbrachten. Grundsätzlich bekommt jeder nur den kargen Einheitslohn von 1200 Mark netto - die 50 Redakteure genauso wie die 70 weiteren Mitarbeiter aus Satz und Layout, Vertrieb und Anzeigenabteilung.

Gäbe es da nicht einige begüterte Väter, die ihre Töchter und Söhne bei der taz hin und wieder mit einem kleinen Scheck bedenken, könnten sich manche tazler nicht in Wohngemeinschaften mit relativ wohlhabenden Lehrern, Anwälten, Medizinern durchfüttern. Die letzte Runde im Existenzkampf wäre sicherlich schon sehr viel früher und nicht erst in diesen Tagen eingeläutet worden. Viele tazler haben das auch nicht durchgehalten, sind mittlerweile zu den "etablierten" Medien abgewandert - wo sie auch gern genommen wurden, weil sich das Blatt vom anfänglichen Dilettantismus zu beträchtlicher Professionalität gemausert hat. Auf die Seite drei mit ihrem aktuellen Tagesthema etwa blickt so mancher hochbezahlte Kollege aus den bestens ausgerüsteten "bürgerlichen" Redaktionen- mit einer Mischung aus Neid und Hochachtung.

Noch nicht einmal ein richtiges Archiv hat die müssen Journalisten bei den großen Zeitungen fast unwirklich erscheinen. Belohnt wird das mit der. Gewißheit, hier tatsächlich schreiben zu können, was und wie man will - ohne Rücksichtnahme auf potente Anzeigenkunden, Interessengruppen, Parteien. Dieses permanente Schreiben gegen jeden Strich hat dem Blatt nicht nur staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren en masse eingebracht, (meistens ging es dabei um militante Dokumente); gelegentlicn besuchte auch die enttäuschte Klientel die Redaktion in der Weddinger Wattstraße und ließ farbverschmierte Wände, verwüstete Schreibtische und entnervte Redakteure zurück.

Doch solche Redaktionsbesetzungen spielten sich vor allem in der Auflagen Glanzzeit des Blattes ab, als die taz im Herbst 1982 täglich 44 000 Exemplare loswurde. Da hatte sich die Berliner Lokalredaktion bewährt, das Blatt schaffte füt kurze Zeit sogar einen Gewinn und konnte das Risiko eingehen, in Hamburg einen zweiten Lokalteil aufzuziehen.