In der Geschäftsstelle der Sektion Bundesrepublik Deutschland der "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e. V in Heidesheim bei Mainz steht das Telephon seit letzter Woche nicht mehr still. Die Anfragen nach Informationsmaterial und Beitrittserklärungen seien sprunghaft gestiegen, sagt Geschäftsführer Till Bastian. Der deutsche Ableger der "International Physicians for the Preventiön of Nuclear War" (IPPNW) spürt deutlich die Auswirkungen der Publicity, die die Verleihung des Friedensnobelpreises 1985 mit sich bringt.

Zum 14. Mal vergab das Osloer Nobel Komitee den Preis nicht an eine Person, sondern an eine Organisation. Die erst fünf Jahre alte IPPNW wurde ausgezeichnet, so heißt es in der Begründung, weil sie neue Perspektiven für eine "Umorientierung der Ressourcen von militärischen zu gesundheitlichen und anderen Entwicklungsaufgaben" eröffnet und in der Weltöffentlichkeit den Widerstand gegen Atomwaffen gestärkt habe. Ins Leben gerufen wurde die Organisation 1980 in Genf von dem amerikanischen Herzspezialisten Bernard Lown und seinem sowjetischen Fachkollegen Jewgeni Tschasow. Der 64jährige Lown leitet das Institut für Gesundheitsfürsorge der Harvard Universität; der 56jährige Tschasow ist Generaldirektor des Nationalen Forschungszentrums für Herzerkrankungen und einer der stellvertretenden sowjetischen Gesundheitsminister. Er war zudem Arzt von Breschnjew, Andropow und Tschernjenko. Daß die Organisation durch eine gemeinsame Initiative amerikanischer und sowjetischer Ärzte zustande kam, hob das Nobel Komitee jetzt besonders hervor. Gemeinsam werden die beiden Ärzte am 10.

Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, die mit rund 500 000 Mark dotierte Auszeichnung in Oslo entgegennehmen.

Mittlerweile zählt die IPPNW rund 135000 Mitglieder in 41 Ländern. Laut Satzung ist sie eine politisch nicht gebundene Föderation von Ärzten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, "überall ihren Einfluß geltend zu machen, um die Bedrohung durch Atomwaffen zu beseitigen". Ihre Mitglieder treten als Referenten bei Friedensveranstaltungen auf; die Geschäftsstellen verteilen Broschüren, in denen "fundierte Inforfür die katastrophalen Folgen eines Atomkriegs" geschaffen wird, erklärte das Nobel Komitee. In der Bundesrepublik erreichte eine Broschüre über Strahlenerkrankungen eine Auflage von rund drei Millionen Exemplaren.

"Wir Ärzte sind vom Atomkrieg natürlich nicht mehr und nicht weniger betroffen als andere Menschen auch", meirit Vorstandsmitglied Till Bastian von der deutschen IPPNW Sektion. Doch gebe es zwei Besonderheiten: Den Ärzten werde "eine ganz besondere Rolle zugedacht in jenem Gauklerspiel der Illusionen, das den Menschen vorlügen soll, auch der Atomkrieg sei in seinen Folgen beherrschbar". Medizinische Hilfe für die Überlebenden sei jedoch nicht möglich. Davon ist Bastian überzeugt: "Wir werden euch nicht helfen können", heißt auch der Titel eines von ihm herausgegebenen Buches (Robinson Verlag).

Hinzu komme, daß "der Wahnsinn des Wettrüstens schon heute Menschenleben fordert". Die Mittel, die in die Rüstung fließen, könnten zur Beseitigung des Hungers und der Krankheit in der Dritten Welt beitragen. Bastian: "Gerade wir Ärzte, die wir ja der Gesundheit verpflichtet sein sollen, müssen immer wieder darauf hinweisen " Mit diesen Bekenntnissen rannten die Mediziner bei den Regierenden in Ost wie West nicht gerade offene Türen ein. Zwar schickten der amerikanische Präsident Reagan wie die jeweiligen Führer der Sowjetunion fegelmäßig Grußbotschaften, wenn die IPPNW ihre seit 1981 jährlich stattfindenden Weltkongresse durchführte, doch in den Ländern stieß die Organisation auf Schwierigkeiten. So war in der Sowjetunion eine öffentliche, von der IPPNW forcierte Diskussion über den Unsinn von Zivilschutzmaßnahmen lange Zeit tabu. Im Westen wurde die IPPNW immer wieder, auch jetzt anläßlich der Nobelpreis Verleihung, als von Moskau gesteuertes Instrument diskreditiert. Nicht zuletzt kritisierten Kollegen das Engagement "Ideologische Fremdenlegionäre" nannte der Geschäftsführer der Bundesärztekammer die IPPNW.

Er hoffe, sagt Till Bastian, daß mit der Preisverleihung nun die "dümmlichen Verleumdungen" aufhörten, die auch der Grund dafür sein mögen, daß in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenige Ärzte der IPPNW angehören. Die deutsche Sektion, die seit 1982 besteht, hat rund 3200 Mitglieder; das entspricht etwa zwei Prozent aller Ärzte. In Finnlana sind fast alle Ärzte in der IPPNW organisiert, in Neuseeland sind es mehr als 75 Prozent, in Schweden 35 Prozent. In Großbritannien unterstützt der Präsident der britischen Ärztekammer die Organisation.