Vor Jahresfrist hatten Hamburger Richter das Verfahren gegen einen geflüchteten, mutmaßlichen Raubmörder aus der DDR mit der knappen Begründung eingestellt: "Sämtliche Beweismittel befinden sich in einem Territorium, das zur Rechtshilfe nicht bereit ist Das leuchtete ohne weiteres ein. Die DDR Behörden hatten sich geweigert, die Tatzeugen zum Prozeß in die Bundesrepublik reisen zu lassen, und sie verwehrten dem Hamburger Schwurgericht auch eine Beweisaufnahme an Ort und Stelle. Wie schon in früheren Fällen beharrten sie auf der Auslieferung des Beschuldigten. Die ist jedoch nicht zulässig, weil ihm bei Verurteilung wegen Mordes in der DDR die Todesstrafe drohen würde.

Nun hat in diesen Tagen ein anderes Hamburger Schwurgericht - nach Aufhebung des Einstellungsurteils durch den Bundesgerichtshof - den Verdächtigen wegen Raubmordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt - allein aufgrund von Protokollkopien polizeilicher Zeugenvernehmungen in der DDR und der Hauptverhandlung eines Prozesses in Magdeburg gegen den Mittäter des hier Angeklagten. Diese Papiere lagen auch vor einem Jahr schon vor. Damals führten sie zur Freilassung, jetzt zum Lebenslänglich. Wieviel gilt das Prinzip der "Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme" vor deutschen Gerichten noch, wenn nach dem Zeugen vom Hörensagen nun auch der Papier Beweis zur Verhängung der schwersten Strafe ausreichen soll? H. Scb.